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in Wien , vertraulich sagen, daß stark gegen mich gearbeitet würde, auchund sogar namentlich von Philipp Eulenburg , der den Chef des General-stabs, Hellmuth Moltke, als Reichskanzler wünsche. Eulenburg rede demKaiser vor, ich sei viel kränker, als S. M. glaube. „Es geht um BernhardsLeben." Übrigens würde es auch ohne den „teuren" Bernhard und sogarganz gut gehen. Der Kaiser müsse die auswärtige Politik allein, unterstütztvon ihm, Eulenburg, und dem treuen Tschirschky, machen, im Innern aberein starker Mann, also ein General, mit eisernem Besen gründlich ausfegen.Ob an dieser Mitteilung, die mich übrigens in keiner Weise aufregte, etwasWahres war, habeich nie erfahren. Richtig ist, daß, nicht lange nachdem ichmich von Norderney über Berlin und Wilhelmshöhe nach Homburg begebenhatte, Philipp Eulenburg den Geheimen Rat von Renvers aufsuchte, umihm zu sagen: wer es gut mit mir meine, müsse mir im Interesse meinerGesundheit raten, meinen Abschied zu nehmen. Als Renvers mich fürvöllig gesund erklärte, hatte Eulenburg gemeint, daß ich dem kühlenBück des Arztes vielleicht so erscheinen könne, nicht aber dem besorgtenAuge des Freundes, der wisse, daß mein Leben von der baldigen Abschütt-lung der unerträglichen Last des Reichskanzleramts abhänge.
Ich halte es auch heute nicht für ausgeschlossen, daß Eulenburg auswirklicher Freundschaft für mich so sprach. Er war tatsächlich eine sehrkomplizierte Natur. Wie der geistreiche Wiener Burgtheaterdirektor undSchriftsteller Alfred Berger einmal meinte: eine Zwiebel mit sehr vielenHäuten, bei der es schwer sei, auf den Kern zu kommen. Übrigens warEulenburg nicht der einzige, der mir, wenn es ihm paßte, Kränklichkeitund Krankheiten andichtete. Auch Bethmann Hollweg erzählte, wenn erals Reichskanzler ins Schwanken geriet, mit Vorhebe, daß meine Wieder-berufung zum Reichskanzler „leider" durch meinen traurigen Gesundheits-zustand ausgeschlossen wäre. Und doch hat die Vorsehung gewollt, daßich beide, Phili Eulenburg und Theobald Bethmann, überlebt habe, unddas, dank der göttlichen Gnade, in bester Gesundheit und ungebrochenerKraft. „Ironie delicieuse de la divine Providence!" pflegte in solchen FällenMonsignore Duchene in Rom zu sagen.
Als ich im Spätsommer 1906, einige Tage nach dem Eingang des Wedel-schen Briefes, dem Kaiser auf einem Diner bei seiner Schwester, der Prin-zessin Margarethe von Preußen , begegnete, fand ich ihn unbefangen undbebenswürdig. Nichts konnte harmloser sein, als wie er mit seiner jüngstenSchwester und meiner ihr seit langem befreundeten Frau konversierte undscherzte. Auf der Soiree, die am 22. Oktober, dem Geburtstag der Kaiserin,im Neuen Palais stattfand, wurde ich von verschiedenen Seiten gefragt,ob es wahr wäre, daß Hellmuth Moltke an meine Stelle treten werde. Icherwiderte, daß ich Moltke dankbar sein würde, wenn er mich von der Bürde