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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DER WELLENBRECHER

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Pflichtgefühls gegenüber Krone und Land sei und in das Gebiet der politi-schen Imponderabilien gehöre, wie weit ein Minister das persönliche Her-vortreten, die Meinungs- und Gefühlsäußerungen des Monarchen mit seinerVerantwortlichkeit decken wolle, und fügte hinzu:Ich kann mir sehrwohl denken, daß ein Minister finden kann, daß ein übertriebenes persön-liches Hervortreten des Regenten, daß ein zu weit getriebener monarchi-scher Subjektivismus, ein zu häufiges Erscheinen des Monarchen ohne dieministeriellen Bekleidungsstücke, von denen die Weisheit des FürstenBismarck sprach, dem monarchischen Interesse nicht zuträglich ist unddaß er dafür die Verantwortung vor Land und Geschichte nicht über-nehmen kann."

Als ich, nicht lange nach dieser Rede, mit dem Zentrum gebrochen hatte,tauchte in Zentrumsblättern die Behauptung auf, ich hätte die Interpella- Randvemterhetion Bassermann mit diesem verabredet und ihn zu seinen Bemerkungen ^ es Kaisersüber das persönliche Regiment veranlaßt. An dieser Behauptung war keinwahres Wort. Ich hatte vor der Debatte vom 14. November weder direktnoch indirekt irgendwelche Rücksprache mit Bassermann genommen, ihnüberhaupt nicht gesehen. Charakteristisch für deutsche parlamentarischeVerhältnisse war, daß mir der Pressechef Hammann am 15. Novembernach einer Unterredung mit dem Vertreter derFrankfurter Zeitung" ,August Stein, schrieb, daß dessenKritizismus" durch meine gestrigenReden zum Schweigen gebracht worden wäre, daß er sich aber als über-zeugter Demokrat ärgere über denweiten Abstand zwischen dieser glän-zenden Leistung und den hilflosen Reden aus dem Hause". Aber nicht nurAugust Stein hatte sich über meine Rede geärgert, sondern auch KaiserWilhelm IL, der den ihm vorgelegten Parlamentsbericht über die Sitzungvom 14. November mit mißtrauischen und gereizten Randvermerken ver-sah. Ich antwortete ihm, daß ich, indem ich mich gegenüber den vielenwährend der letzten Wochen gegen das Oberhaupt des Reichs gerichtetenKritiken und Angriffen zum Wellenbrecher machte, diese Angriffe auf michabgelenkt und dadurch zweifellos die Stimmung im Lande gebessert habe.Ich würde mich auch weiter, wie es meine Pflicht wäre, vor den Thronstellen und, soweit ich es vermöchte, Unerfreuliches und Schädliches vonSeiner Majestät abhalten. Ich fügte aber hinzu:Was die bestehende Ver-stimmung betrifft, so würden auch die geschicktesten Presseintrigen sienicht haben hervorrufen können, wie Eure Majestät dies annehmen, wennihr nicht noch anderes zugrunde läge. Die große Mehrheit des deutschenVolks ist monarchisch gesinnt. Auf dem letzten sozialdemokratischenParteitag war das Geständnis eines sozialdemokratischen Führers inter-essant, daß von den 3 Millionen sozialistischer Wähler im Jahre 1903höchstens 400000 organisierte, d. h. zielbewußte, Sozialdemokraten wären.