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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DERNBURG WIRD KOLONIALDIREKTOR

Auch unter den letzteren sind nach der Versicherung guter Kenner derVerhältnisse viele innerlich nicht antimonarchisch. Andererseits ist aberdas deutsche Volk unendlich empfindlich gegenüber allem, was nachAbsolutismus aussieht. Ich habe nur die Wahrheit gesagt, wenn ich öffent-lich erklärte, Eure Majestät hätten nie die Verfassung verletzt und würdensie nie verletzen. Aber manche Reden und Telegramme Eurer Majestätsind in diesem Sinne gegen Sie ausgebeutet worden. Die hierdurch hervor-gerufene unruhige und mißtrauische Stimmung bei allen Parteien und inallen Schichten der Bevölkerung erschüttert in keiner Weise mein Vertrauenin Gott, zu Eurer Majestät und in den Stern des deutschen Volks, machtmir aber eine umsichtige Taktik zur Pflicht. Sie wollen mir glauben, daßmeine Worte und Vorstellungen eingegeben sind von wahrer Liebe undtreuer Sorge für Eure Majestät." Der Kaiser schrieb ad marginem diesesBriefes:Einverstanden! Besten Dank! Ich ändere mich nicht! Und eswird weiter geschimpft werden." In seinem BuchDie europäische Politikunter Eduard VII." erzählt J. A. Farrer: der bekannte englische PolitikerSir Charles Düke habe die Rede des Fürsten Bülow vom 14. November 1906über die internationale Lage als eine der besten gerühmt, die je ein Staats-mann gehalten habe.

Als sich Anfang September die Angriffe gegen die KolonialabteilungNeubesetzung immer mehr häuften, hatte ich den Leiter des Kolonialamtes um ein-des gehenden Vortrag gebeten. Die Ausführungen des Erbprinzen von Hohen-lohe-Langenburg waren sehr dürftig. Er beschränkte sich im wesentlichendarauf, mir in überaus höflicher Form zu sagen, es würde ihn lebhaftinteressieren, zu hören, wie ich selbst über die ganze recht schwierige undverwickelte Materie dächte. Ich sah ein, daß es nicht so weiter ginge, undda er mir am Tage vorher gesagt hatte, wie sehr er bedaure, den Winternicht mit englischen Verwandten und guten Bekannten in Nizza verlebenzu können, ersuchte ich ihn in freundlichster Weise, die Cote d'Azur aufzu-suchen und die Politik lieber anderen zu überlassen. Aber wen als Nach-folger wählen ? Erni Hohenlohe war außer an seiner Unfähigkeit auch darangescheitert, daß er wegen seiner nahen Beziehungen zum EvangelischenBund vom Zentrum mit Mißtrauen behandelt worden war. Da erinnerte ichmich an ein Wort, das mir in seiner humoristischen Weise der Präsident desReichstags, der treffliche Graf Ballestrem, einmal gesagt hatte:Einevangelischer Kultusminister ist uns nicht gerade sympathisch", meinteer,einen katholischen können wir als Minorität nicht verlangen, wie wärees, wenn Sie uns einen jüdischen Kultusminister gäben?" Ich dachte fürdas Kolonialamt zuerst an Walter Rathenau , den ich damals noch nichtpersönlich kannte, von dessen vielseitiger Begabung ich aber gehört hatte.Schließlich entschied ich mich für den Direktor der Darmstädter Bank ,

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