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DIE „EITERBEULE"
Kolonialabteilung als „grünen Assessor" und schloß unter großer Bewe-gung des Hauses und andauerndem Lärm mit den Worten: „Ach, HerrKolonialdirektor, nach Ihrer ganzen Vergangenheit sind Sie nicht fähig,mich bloßzustellen." Wir haben seit der Revolution und unter der Republik in deutschen Volks- und Stadtvertretungen noch ganz andere Szenenerlebt, aber damals wurde nicht nur vom Reichstag und von den Zuschauernauf den Tribünen, sondern von allen Gebildeten im Lande ein so roher Tonmißbilligt und peinlich empfunden. In seiner Antwort wies der Kolonial-direktor nach, daß die Kolonialverwaltung keinen Tadel verdiene, daß diegegen die Beamten erhobenen Vorwürfe unbegründet wären, daß aberRoeren und andere Zentrumsabgeordnete im Interesse von Parteiange-hörigen oder sonstigen Schützlingen sich fortgesetzt in die Personalien derKolonialverwaltung eingemischt hätten. Diese Anspielung bezog sich, wieich einschalten will, darauf, daß es Erzberger durch die Pflichtvergessen-heit zweier Subalternbeamten namens Wistuba und Pöplau möglich ge-worden war, sich Kenntnis über interne Vorgänge innerhalb der Kolonial-verwaltung zu verschaffen, die er dann in illoyaler Weise als Angriffs-material verwandte. Als Dernburg mit den Worten schloß, daß diese Eiter-beule aufgestochen werden mußte, daß er sie aufgestochen habe und gerndie Konsequenzen trage, zischten Zentrum und Sozialdemokratie, aberauf der Rechten erscholl lebhafter Beifall und auf den Tribünen Hände-klatschen. Ich hatte der Sitzung vom 3. Dezember wegen anderweitigerdringender Amtsgeschäfte nicht beiwohnen können, erschien aber am4. Dezember im Reichstag, um in einer kurzen, ganz sachlichen Rede keinenZweifel darüber zu lassen, daß ich die Haltung des Kolonialdirektors undinsbesondere seine Verteidigung grundlos angegriffener Beamten wie seineAbwehr ungerechtfertigter Pressionen selbstverständlich biUige. Ich schloßmit der Bemerkung, ich würde gewünscht haben, daß Herr Roeren wenigerdem Beispiel des wie immer allzu heftigen Abgeordneten Bebel als demseines Fraktionskollegen Erzberger gefolgt wäre, der sich einer ruhigerenTonart befleißigt habe über Vorgänge, deren Untersuchung zum Teil nochim Gange sei.
Ich glaubte noch immer nicht, daß das Zentrum es zum Bruch treibenwürde, den ich zu vermeiden wünschte. Ich Heß die zwei einflußreichstenFührer des Zentrums, Herrn Spahn und Herrn Groeber, zu mir bitten. Ineiner längeren Unterredung ä trois erinnerte ich sie an meine gerechteund wohlwollende Haltung gegenüber der Zentrumspartei wie gegenüberdem katholischen Teil des deutschen Volks seit fast einem Jahrzehnt. Ichwürde nie den Rechten und den Gefühlen der Katholiken und der katho-lischen Kirche zunahetreten. Aber wo es sich um staatliche Interessen undum die Grundsätze handele, auf denen unser Staatswesen beruhe, ließe ich