AUFLÖSUNG DES REICHSTAGS?
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nicht mit mir spaßen. Ich gab der Hoffnung Ausdruck, daß meine War-nung vom Zentrum verstanden werden würde. Beide Herren beteuertenmir, daß sie die im Zentrum neuerdings hervortretende Opposition miß-billigten. Sie würden alles tun, damit ein Konflikt mit der Regierung ver-mieden würde. Herr Spahn sagte mir mit der Rechtschaffenheit, die diesemausgezeichneten Justizbeamten wohl anstand: „Schuld an allem ist Erz-berger, ein vordringlicher, ziemlich gewissenloser junger Streber, den leiderunser Freund Groeber in den Reichstag gebracht hat. Er sitzt in Lichter-felde und redigiert dort eine Parlamentskorrespondenz, durch die er einengroßen Teil der Zentrumspresse beherrscht. Da er weiter nichts zu tun hat,ist es für mich, der ich die Pflichten meiner hohen richterlichen Stellung inKiel gewissenhaft erfüllen will, nicht leicht, mit ihm fertig zu werden."Der redliche Groeber drückte sein lebhaftes Bedauern aus, daß er die Hennegewesen sei, die diese Ente ausgebrütet habe. In seinem gemütlichenSchwäbisch meinte Groeber: „Ich hätt' freili was Gescheiteres tun können,als diesen Erzberger mit seinem ungewaschenen Maul in den Reichstag zubringen. Nun müssen wir trachten, ihn kaltzustellen." Das war aber nichtso leicht, wie es zwölf Jahre später der Reichskanzler Hertling und nachdem Prozeß Erzberger-Helfferich die ganze Zentrumsfraktion erfahrensollten. Im Dezember 1906 verließen mich Spahn und Groeber mit dererneuten Versicherung, daß sie alles tun würden, damit bei der bevor-stehenden Abstimmung über den Nachtragsetat für Südwestafrika dasZentrum nicht in die Opposition ginge. In demselben Sinne sprach ich mitdem Reichstagspräsidenten Ballestrem, der mir erklärte, daß er für denNachtragsetat stimmen werde und hoffe, die Fraktion werde seinem Bei-spiel folgen.
Während ich in dieser Richtung beruhigend wirkte, hielt ich es doch fürgeboten, für den Fall, daß meine Warnungen nicht beherzigt werden soll- Krise in Sichtten, mein Pulver trockenzuhalten. Ich schrieb an den Kaiser: „Die Situationist eine ernste. Nach dem bisherigen Ergebnis der Kommissionsberatungenmuß mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß die Kommission einenerhebbchen Abstrich an den Forderungen vornimmt, die zur Erhaltung dernotwendigen Truppenzahl in Südwestafrika und zur Niederwerfung desAufstandes nötig sind. Sollten solche Beschlüsse von der Kommissiongefaßt und vom Plenum des Reichstags bestätigt werden, würde ich EurerMajestät zur Auflösung raten müssen. Diese Auflösung ist zweifellos einfolgenschwerer Entschluß. Ein Konflikt im Reich ist aus Gründen äußererund innerer Politik schwieriger und gefährlicher, als es früher Konflikte inPreußen waren. Wenn wir eine derartige Aktion erfolgreich durchführenwollen, müssen wir so manövrieren, daß wir in den Augen der Bundes-iürsten und der Nation das Recht und die Vernunft auf unserer Seite haben.