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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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UNANNEHMBAR

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daß zwei Führer der äußersten preußischen Rechten, Herr von Kröcher undHerr von Arnim-Züsedom, ihm gegenüber, der denNochnichtinformier-ten und Unbefangenen" gespielt habe, sich für eine eventuelle Reichstags-auflösung erklärt hätten, und zwarauf der Grundlage einer naturwüchsi-gen, ich möchte sagen einer naiven Überzeugung". Durch diese bei mär-kischen Junkern herrschenden Anschauungen sei er in der Ansicht bestärktworden, daß die von mir gefaßten Beschlüsse nicht nur vom Standpunktder Staatsautorität notwendig wären, sondern aucheinem volkstümlichenEmpfinden" entsprächen, das die bereits gebrachten Opfer an Leben undGut höher bewerte als parlamentarische Herrschaftsgelüste. Der Briefschloß:Eure Durchlaucht wollen verzeihen, daß ich gewissermaßen nochpost festum diesem Gedanken Ausdruck gebe. Ich werde dabei lediglich vondem Bestreben getrieben, Tatsachen nochmals zu konstatieren, die EureDurchlaucht bereits in Rechnung gestellt haben. Eurer Durchlaucht gehor-samster Diener von Bethmann Hollweg." Seine Dankbarkeit für mein ihmschon mehrfach bewiesenes Wohlwollen war damals unbegrenzt. Als ichihm kurz vor der Reichstagsauflösung zu einem Familienfest gratulierte,antwortete er mir:Eurer Durchlaucht sage ich aufrichtigsten Dank fürdie so gütigen Glückwünsche, unter der Versicherung, daß Eurer Durch-laucht nachsichtiges Wohlwollen eine unentbehrliche Stütze für meineArbeit ist."

Als am 13. Dezember die zweite Beratung des Nachtragsetats fürDeutsch-Südwestafrika begann, eröfihete ich die Debatte mit einer Die Auf-kurzen, sehr ruhigen Ansprache, in der ich die Gründe darlegte, aus denen lösungsorder Vorschlag, uns schon jetzt für das Etatsjahr 1907 auf eine unbestimmte,gegenüber der jetzigen wesentlich verminderte Truppenanzahl festzulegen,für die verbündeten Regierungen unannehmbar sei. Ich könne nicht an-nehmen, daß der Reichstag einen solchen, in finanzieller und militärischer,in politischer wie nationaler Hinsicht gleich bedauerlichen und bedenklichenEntschluß fassen würde. Sollte ich mich hierin täuschen, so würde ich alsverantwortlicher Leiter der Reichsgeschäfte nicht in der Lage sein, vor demdeutschen Volk und der Geschichte eine solche Kapitulation zu unter-schreiben. Während ich sprach, las ich in den Mienen der Abgeordnetenund namentlich der Zentrumsvertreter, daß sie an den Ernst dieser meinerErklärung nicht recht glaubten. Nach einigem Gezänk zwischen Roeren undDernburg , dann zwischen dem gräßüchen Ledebour, einem der ganz auti-pathischen Sozialisten, und dem konservativen Abgeordneten von Richt-hofen ergriff ich nochmals und zum letztenmal das Wort. Ich sprach ausdem Stegreif und nicht ohne Erregung. Ich frug, wohin es führen würde,wenn sich bei uns die Gewohnheit einbürgere, militärische Maßnahmen imKriegszustande, Leben und Gesundheit unserer Truppen, unsere Waffenehre