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„. . . HABEN SIE DIE KRISIS!"
von Fraktionsbeschlüssen und Parteirücksichten abhängig zu machen. Icherinnerte an die Entschlossenheit, mit der andere Völker, Engländer,Franzosen, Holländer, ohne mit der Wimper zu zucken, ihre Kolonialkriegegeführt hätten. Ich erklärte, daß ich das mir in den Mund gelegte einfältigeWort: „Nur keine inneren Krisen!" nie gesagt hätte, und fügte hinzu: „Esgibt Situationen, wo ein Zurückschrecken vor Krisen ein Mangel an Mut,ein Mangel an Pflichtgefühl wäre. Wenn Sie wollen, haben Sie die Krisis!"Ich erklärte mit erhobener Stimme, daß die in den Couloirs umhergetrageneBehauptung, ich würde vom Kaiser geschoben, eine „dreiste Unwahrheit"sei. Ich brauchte gar keine Direktiven, um zu erkennen, daß hier nationaleNotwendigkeiten vorlägen. Ich schloß mit den Worten: „Was würde es füreinen Eindruck machen, nach innen und nach außen, wenn die Regierungin einer solchen Lage, in einer solchen Frage kapitulieren und nicht dieKraft in sich finden sollte, ihre nationale Pflicht zu erfüllen ? Wir werdenunsere Pflicht tun im Vertrauen auf das deutsche Volk." Die Sozialdemo-kraten zischten, die Mehrheit brach in Beifall aus. In der nun folgendennamentlichen Abstimmung wurde die Regierungsvorlage mit 177 gegen 168Stimmen abgelehnt. Nachdem ich das Wort erbeten hatte, erhob ich michund erklärte: „Ich habe dem Reichstag eine kaiserliche Verordnungmitzuteilen." Als ich nun die rote Mappe hervorholte, erscholl auf derRechten stürmischer Beifall, die Nationalliberalen und die Freisinnigenklatschten mit den Händen, die Sozialdemokraten, die mit Sicherheit aufeinen großen Sieg bei den Wahlen rechneten, schrien vor Vergnügen. DasZentrum schwieg betreten und ärgerlich. Der allgemeine Lärm wurde über-täubt von dem Jubel und Händeklatschen der Zuhörer auf den Tribünen.Ich verlas die kaiserliche Verordnung, durch die der Reichstag aufgelöstwurde. Das Verlesen der aus Bückeburg datierten Verordnung wurdewiederum von den Konservativen, den Liberalen und den Tribünen mitfortgesetztem Händeklatschen begrüßt. Vom Zentrum hatte, seiner mirgegebenen Zusage entsprechend, Graf Ballestrem demonstrativ für dieRegierung gestimmt, außer ihm noch drei Zentrumsabgeordnete, unterihnen der Sohn des Begründers der Zentrumsfraktion, der Abgeordnetevon Savigny . Als ich den Reichstag verließ, meinte Ballestrem elegisch:„Mein Nachfolger auf dem Präsidentenstuhl wird wohl der sozialistischeAbgeordnete Singer werden." Herr von Heydebrand, der sehr perplex war,murmelte etwas von einem „Husarenstreich" des ehemabgen Königs-husaren.
Unbekümmert um das nicht zu rechtfertigende Verhalten der Zentrums-Ein Brief des partei mir gegenüber, hatte ich einige Tage nach der Auflösung des Reichs-KardUuis tags dem Fürstbischof von Breslau, Kardinal Kopp , in gewohnter WeiseKopp and in voller Aufrichtigkeit meine Wünsche zum Weihnachtsfest darge-