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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
Entstehung
Seite
273
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DER KARDINAL GEGEN DIE ZENTRUMS FR AKTION 273

bracht. Er antwortete mirmit bewegtem Herzen" und fügte hinzu:Eswird die Zahl der Personen und Kreise nicht groß sein, die das Verhaltendes Zentrums in diesem Jahre billigen und an ihm Freude haben. Ich brauchenicht zu bezeugen, daß ich nicht zu ihnen gehöre. Auch im Vatikan istman bestürzt und unwillig über die jüngsten Ereignisse und bewertet dieHaltung des Zentrums in abfälligster Weise. Man hält es nicht allein füreinen schweren Fehler nach oben, sondern auch für eine unbegreiflicheUndankbarkeit gegen Eure Durchlaucht, der man eine solche Lage hätteersparen müssen . . . Was aber auch kommen möge, solange Eure Durch-laucht das Ruder führen, bbcke ich ruhig in den Wirrwarr der Parteien.Diese Uberzeugung aber erhöht meine unbedingte Anhänglichkeit und denheißesten Wunsch, nach Kräften zur Entwirrung und zur Förderung Ihrerauf den inneren Frieden allein abzielenden Absichten beitragen zu können.Genehmigen Eure Durchlaucht diese aus tiefstem Herzensgrunde hervor-gehende Versicherung und zugleich die innigsten Wünsche zum Feste wiefür das kommende Jahr, in die ich auch die Frau Fürstin einschließe. EurerDurchlaucht stets treugesinnter G. Card. Kopp." Einige Wochen späterschrieb mir der Kardinal, er höre durch den Kardinalstaatssekretär, daß Erz-berger, der leider im Vatikan Verbindungen angeknüpft hätte, dort unwahreNachrichten über mich verbreite. Zur gleichen Zeit hatte Kopp an den ihmbefreundeten Monsignore Montel, den langjährigen deutschen Vertreter ander Rota Romana , geschrieben:An dem Verhalten des Zentrums habe auchich keine Freude. Ich mißbilhge es sehr und beklage die Kurzsichtigkeit.Dem Zentrum im Reichstage fehlt der Führer. Tatsächlich regieren unge-schulte und unreife Kräfte, wie z. B. Herr Erzberger. Die Ursache diesesKrachs muß schon ziemlich weit zurückliegen, denn sie scheint nicht alleindie unglückliche Abstimmung gewesen zu sein. Die Taktik des Zentrumswar schon seit den letzten Jahren eine unsichere und zum Teil provokato-rische. Aller Klatsch gegen die Regierung wurde zusammengetragen undbreitgetreten und unter dem Vorgeben, für das Recht eintreten zu müssen,auf der Tribüne des Reichstags in die Öffentlichkeit gezogen. Leider gehtdem Zentrum im ganzen zu sehr Vornehmheit und politischer Takt ab."

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