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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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WILHELM II. UND DERPRINZ VON HOMBURG"

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Sozialdemokratie schon im ersten Anlauf entrissen worden. Die Parteien derRechten haben bei den Wahlen von 1907 im Ganzen 113 Mandate erobert,die Liberalen 106. Die Sozialisten verfügten nur noch über 43 Mandate.Es war die schwerste Niederlage, welche die Partei seit ihrem Bestehen zuverzeichnen hatte. Sie war ihres Sieges bis zum Wahltag so sicher gewesen,daß das sozialdemokratische WitzblattDer wahre Jakob " schon ein Bildvorbereitet hatte, das gerade am Wahltag erschien und das Bebel als Siegermit der roten Fahne in der Hand darstellte, wie er über den am Bodenhegenden und um Gnade bittenden Reichskanzler wegreitet. Das war dererste gute Witz, den ich, immer ein Freund der Witzpresse, imWahrenJakob " gefunden hatte.

Am Tage nach der Wahl erschienen, von der Kaiserin entsandt, dieköniglichen Prinzen, mit Ausnahme des abwesenden Kronprinzen, beimeiner Frau, um sie zu beglückwünschen und ihr Blumen zu überreichen.Der Kaiser selbst kam am Nachmittag, hocherfreut und in sehr gehobenerStimmung. Am nächsten Tage meinte er schon, er habe nie daran gezweifelt,daß jeder Reichskanzler, der mit einer Militär- oder Flottenparole in denWahlkampf zöge, siegen müsse und werde. Am dritten Tage stellte er beiseinem Morgenbesuch Betrachtungen darüber an, daß es im letzten Endeziemlich gleichgültig wäre, wie sich die Parteiverhältnisse im Reichstaggestalteten. Die Hauptsache wäre, daß der Reichstag als solcher nicht frechwürde. Am Abend des Stichwahltages hielt der Kaiser an die vor demköniglichen Schloß ihm Huldigungen darbringende Menge eine Ansprache,in der er, nach seiner Art meine Worte vom Abend des ersten Wahltagesübertreibend, aus demPrinzen von Homburg" das Wort des alten Kott-witz zitierte, der dem Großen Kurfürsten sagt, es komme nicht auf die Regelan, nach der man den Feind besiege, wenn er nur geschlagen werde, undausrief:Die Kunst jetzt lernten wir, ihn zu besiegen, und sind voll Lust,sie fürder noch zu üben!" Auch vor das Reichskanzlerpalais zogen wiedertausende patriotische Bürger, ich mußte wieder erscheinen und wies daraufhin: Wer bei den Stichwahlen wie bei den Hauptwahlen gesiegt habe, dassei der deutsche Geist,

Der gekämpft hat allerwegen,Der noch kämpft zu dieser Frist,Und der darum nicht erlegen,Weil er ja unsterblich ist.

Von verschiedenen Seiten, auch brieflich, gefragt, von wem diese Versewären, wußte ich keine Antwort. Um so erfreuter war ich, als mir der Ober-landesgerichtsrat Creizenach aus Frankfurt a. M. schrieb, daß die Versevon seinem verstorbenen Vater stammten, dem Professor der Geschichte