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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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WAHLSIEG UND WAHLNACHT

Über Eurer Durchlaucht Heimat weht wieder die nationale, die schwarz-weiß-rote Flagge", hieß es in dem Telegramm. Es folgte eine ganze Reihegünstiger Nachrichten. Namentlich aus dem Königreich Sachsen, das bisherfast nur Sozialisten in den Reichstag entsandt hatte und deshalb das roteKönigreich genannt wurde, kam die gute Kunde, daß die bürgerlichenParteien an 15 Wahlsitze erobert hatten.

Als ich mich gegen Mitternacht zu Bett legte, stand die Partie günstig.Einige Stunden später weckte mich meine Frau. Sie glaubte vor dem Haussingen zu hören. Ich erwiderte ihr lachend, sie hätte wohl geträumt, undschlief weiter. Aber bald darauf klopfte es stark an die Tür. Ein Beamterder Reichskanzlei meldete, daß eine große Menschenmenge sich vor demReichskanzlerpalais angesammelt habe und mich zu sehen wünsche. Ichkleidete mich so rasch wie möglich an und hielt an die Tausende, die imHofe des Reichskanzlerhauses und in der Wilhelmstraße mich begrüßenwollten, ganz unter dem Eindruck des Augenblicks die nachstehende An-sprache :Meine Herren! Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Begrüßung,vor allem aber für die nationale Gesinnung, die Sie hierhergeführt hat.Mein großer Amtsvorgänger, vor dem wir alle in Ehrfurcht uns neigen, hatvor bald vierzig Jahren gesagt: ,Setzen wir das deutsche Volk in denSattel, reiten wird es schon können.' Ich hoffe und glaube, das deutscheVolk hat heute gezeigt, daß es noch reiten kann. Und wenn bei den Stich-wahlen jeder seine Schuldigkeit tut, so wird die ganze Welt erkennen, daßdas deutsche Volk fest im Sattel sitzt und alles niederreitet, was sich seinerWohlfahrt, seiner Größe in den Weg stellt. Und nun meine Herren, bitte ichSie, mit mir einzustimmen in den Ruf: Die Nation, das deutsche Volkhoch!" Meine Worte wurden von fortwährendem Beifall unterbrochen,mit Jubel aufgenommen.

Eine genaue Prüfung der Wahlresultate am nächsten Morgen ergab dieDas Gewißheit, daß, wenn die am 5. Februar angesetzten Stichwahlen leidlichWahlresultat gingen, die Regierung im Reichstag über eine ausreichende Mehrheit ausKonservativen, Nationalliberalen und Freisinnigen verfügte. Die Wucht desnationalen Zorns hatte die Sozialdemokratie so vernichtend getroffen, daßsie 36 Sitze verlor und von 79 Mandaten auf 43 herabsank. Ohne das vonden meisten Bischöfen, übrigens auch von Hertling, Praschma und Balle-strem mißbilligte Wahlbündnis des Zentrums mit den Sozialdemokratenhätten die letzteren mindestens noch ein weiteres Dutzend Sitze eingebüßtund wären auf 30 Mandate zurückgedrängt worden. Mächtig bewegt, wienie seit den Tagen des Fürsten Bismarck, war die Seele unseres Volkes.Großstädte, die seit langem als sicherer Besitz der Sozialdemokratie galten,wie Leipzig, Dresden, Magdeburg, Halle, Elberfeld, Frankfurt a. M.,Darmstadt, Breslau, Königsberg, Bremen, Braunschweig, Stettin , waren der