DIE WAHLPAROLE
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die Parteien zwang, das nationale Interesse über ihre selbstsüchtigenZwecke zu setzen.
In meinem Silvesterbrief an den Vorsitzenden des Reichsverbands gegendie Sozialdemokratie, den General von Liebert, gab ich als Parole für denWahlkampf aus: Für Ehre und Gut der Nation, gegen Sozialdemokraten,Polen , Weifen und Zentrum. Ich gab mit vollem Bewußtsein dem Kampfdie Spitze gegen die Sozialdemokratie. Ich verkannte nicht, daß auch inden Reihen dieser Partei redliche und tüchtige Männer, edle Ideabstenstanden, daß in ihren Bestrebungen ein guter und berechtigter Kern stak.Aber ich wußte auch, daß es bei der doktrinären Verbohrtheit, der fanati-schen und verbissenen Parteiwut gerade der deutschen Sozialdemokratie,daß es vor allem bei der weltfremden Art, mit der sie im Gegensatz zu denSozialdemokraten anderer Länder Fragen der auswärtigen Pobtik ledigbchvom Standpunkt des Fraktionsinteresses beurteilte, überdies sich über dasAusland und die ausländischen „Genossen" in den größten Illusionen be-wegte, ein schweres Unglück bedeuten würde, wenn sie die Zügel der Machtan sich risse. Ich habe nie daran gezweifelt, daß die deutsche Sozialdemo-kratie nicht imstande sein, auch gar nicht ernstbch versuchen würde, dieIdeen von Marx praktisch durchzufüren. Aber ich sah voraus, daß sie,ans Ruder gelangt, die Verwaltung desorganisieren, die öffenthche Sicherheitgefährden, alle schlechten Leidenschaften entfesseln, alle ungesundenAppetite wecken, daß sie die „Klassenjustiz", gegen die sie, als eine solchenicht bestand, gezetert und getobt hatte, selbst zur Befestigung der eigenenHerrschaft verlangen und anstreben, daß sie vor allem dem Auslandegegenüber weder das nötige Rückgrat noch ein klares Auge haben würde.
Am 19. Januar 1907 hielt ich im Palast-Hotel bei einem Abendessen,an dem außer einer großen Anzahl Vertreter der Minderheitsparteien vom13. Dezember auch zahlreiche Industrielle, Gelehrte, Künstler, Bankiersteilnahmen, vor einer Versammlung, die, wie ich sagte, wirklich ein Kreishoher Bildung und höchsten Strebens war, eine Rede, in der ich unter Hin-weis auf das Goethesche Wort: „Was ist deine Pflicht ? Die Forderung desTages", für die Wahlen die Parole ausgab: Ein Reichstag, dessen Mehrheitin nationalen Fragen nicht versagt — das ist die Forderung des Tages!Zwei Tage später erklärte der Führer der Sozialdemokratie, der AbgeordneteSinger, einem Vertreter der ausgesprochen deutschfeindlichen imperiahsti-schen „Daily Mail", die deutsche Sozialdemokratie gehe dem heißestenKampf ihrer Geschichte mit vollem Vertrauen entgegen. Sie werde ihreFraktionsstärke von 79 auf mindestens 90 Köpfe erhöhen. Am Abend des25. Januar, des Wahltags, traf gegen 10 Uhr das erste Telegramm bei mirein. Es meldete mir, daß in meinem Heimatskreis Pinneberg der Frei-sinnige Carstens den bisherigen soziabstischen Vertreter geschlagen hätte.