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IN DER KAMPAGNE ALLEIN
Wi Luet ut us butjenterlandSünt van jo wohl red entflammt!Us makt unmannig viel VergnuegenDat rot und swart ehr fett hebt kreegen:Drum ducht us dat just nich verkehrtwenn wie jo hartlich gratuleert!
Es kam nun darauf an, den Strom der nationalen Erregung und Be-Der geisterung auf die politische Mühle zu leiten. Der Wahlkampf begann.Wahlkampf Meine natürlichen Stützen in diesem Kampf wären der preußische Ministerbeginnt ( j eg j nnern Bethmann Hollweg und der Staatssekretär des Innern im ReichGraf Posadowsky gewesen. Aber der letztere war aus den schon von mirangedeuteten Gründen ein Gegner der Auflösung gewesen. Ich glaubte michnicht zu irren, wenn ich annahm, daß ein Mißerfolg meines Wahlkampfesihn nicht gerade betrübt haben würde. Bethmann war kein finstererVerrina, der seinen Fiesko samt dem Mantel in das Meer stürzt, aber erlebte in Abstraktionen, d. h. in wolkenhaften Gebilden ohne Kern. Er wardurch und durch doktrinär, dabei ein Zauderer, der schwer zu einem Ent-schluß kam, er war vor allem sehr ängstlich. So mußte ich die Wahl-kampagne allein führen. Aber ich hatte an meiner Seite in dem Chef derReichskanzlei, dem damaligen Geheimen Rat, späteren Staatsminister vonLoebell, den besten aller Mitarbeiter. Loebell war ein wirklich guterMensch, was selten ist, ein lauterer Charakter, ein goldenes Herz. SeinWesen war Treue: Treue für Preußen und Deutschland, für den König undKaiser, für mich, seinen Vorgesetzten und Freund. Dabei ein unermüdlicherArbeiter, was ihn leider nur zu oft dazu verleitete, seine Kräfte zum Schadenseiner Gesundheit zu überspannen. Ein klarer Verstand. Er hat vielleichtbisweilen die Menschen zu günstig beurteilt, aber nie einem Menschenwissentlich etwas Böses angetan. Er sprach und schrieb gleich gut. „Fortescreantur fortibus et bonis", sagt Horaz. Loebells Vater, ein Urmärker,hatte viele Jahre bei den Brandenburger Kürassieren gestanden, er warmit ihnen 1870 nach Frankreich gezogen und verbrachte, nachdem erseinen Abschied als Major genommen hatte, seinen Lebensabend in seineralten Garnison, in Brandenburg an der Havel, wo er eine Kurie bewohnte.Wer ihn, der über neunzig Jahre geworden ist, mit seiner nur wenige Jahrejüngeren Frau unter einer alten Linde vor seinem Häuschen sitzen sah,glaubte Philemon und Baucis vor sich zu sehen. Der Sohn Loebell warmein immer wachsamer, immer arbeitsfreudiger, intelligenter Gehilfe undBerater für die Fühlungnahme mit den Parteiführern wie mit demBeamtenkörper in den Provinzen. Er teilte meine Ansicht, daß es nichtauf diesen oder jenen Parteibonzen, überhaupt nicht auf kleine Mittelankomme, sondern darauf, im Lande eine Strömung hervorzurufen, die