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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DER NEUE REICHSTAG

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bezweifelt, wie mir dies im Wahlkampf von der Zentrumspresse imputiertwurde. In Erwiderung einer amerikanischen Anfrage, ob die Meldungrichtig sei, daß der Sieg der nationalen Parteien bei den Wahlen die deutscheRegierung ermutigen werde, eine aggressive auswärtige Politik einzuleiten,hatte das Pressebüro des Auswärtigen Amts derPublishers' Press Asso-ciation" in New York die nachstehende Antwort zukommen lassen:DieAnnahme, als bedeute der Ausfall der neuen Reichstagswahlen eine Wen-dung zu aggressiver Weltpolitik, ist gänzlich irrig. Der Kaiser ist nichtkriegerisch gesinnt, dem Fürsten Bülow kann man ebensowenig abenteuer-liche Tendenzen nachsagen. Man irrt sich sehr, wenn man die nationaleStimmung, aus der heraus der neue Reichstag gewählt ist, nicht für national,sondern für nationalistisch und chauvinistisch hält. Er ist gewählt gegen dieantinationale Arroganz einer widernatürlichen Parteikonstellation. DieseArroganz hat das nationale Empfinden des Volks empört. Dieselbe Mehrheit,welche Südwestafrika behaupten will, würde sich gegen phantastischePläne aussprechen." Dieses Telegramm hatte mir vor seinem Abgang nichtvorgelegen, andernfalls würde ich die Wendung von der antinationalenArroganz wohl gestrichen haben. Aber auch bei der dem Telegramm an diePublishers' Press Association" von einem jüngeren Beamten unseresPreßbüros gegebenen Form gehörte viel Empfindlichkeit und insbesondereviel böser Wille dazu, aus dieser überdies augenscheinlich mehr vom Stand-punkt der auswärtigen als der inneren Politik inspirierten Antwort eineBeleidigung der Zentrumsfraktion herauszulesen. Bei der politischen Ge-samtsituation konnte ich mir aber trotz aller Objektivität, mit der ich demZentrum nach wie vor gegenüberstand, nicht verhehlen, daß die Erhebungdes Zentrumsführers auf den Präsidentenstuhl unmittelbar nach dem Wahl-kampf von der großen Mehrheit des deutschen Volkes nicht verstanden,sondern als eine Schädigung des nationalen Aufschwungs betrachtetwerden würde. Dieser Reif in der Frühlingsnacht hätte viele Blüten zer-stört.

Ich gab deshalb meine Zustimmung zu der Wahl eines neuen Reichstags-präsidiums. Erster Präsident wurde Graf Udo Stolberg, ein Konservativerohne Vorurteile und mit weitem Horizont, verbindlich gegen alle Parteien,in guten Beziehungen zum Zentrum, höflich auch mit der Sozialdemokratie.Erster Vizepräsident wurde der Freisinnige Kämpf, ein naher Freund vonEugen Richter, Berliner Stadtrat und Stadtältester, in seiner sachlichenNüchternheit und vollkommenen Ehrenhaftigkeit ein echter Sohn seinerVaterstadt Neu-Ruppin . Zweiter Vizepräsident wurde leider das schwarzeSchaf der Nationalliberalen, wie ihr Führer Ernst Bassermann ihn zu nennenpflegte, der Dr. Paasche, der sich zu Bassermann ungefähr verhielt wieErzberger zu Spahn. Eine innige Seelenverwandtschaft hat auch viele