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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE KONSERVATIV-LIBERALE PAARUNG

Jahre Matthias Erzberger und Hermann Paasche verbunden. Der letzterelegte in jenem Jahr 1907 eine unbegrenzte Schwärmerei für mich an denTag, flößte mir aber wenig Vertrauen ein. Ich habe schon früher erwähnenmüssen, daß er zu den sehr wenigen Volksvertretern gehörte, die bereitsvor dem Umsturz vom November 1918 ihre Eigenschaft als Abgeordnetefür persönliche Vorteile ausnützten. Paasche hatte einen Sohn, der bei derMarine eingetreten war, dann sich in Ostafrika betätigt und über seineErlebnisse ein von Begeisterung für Kolonial- und Weltpolitik triefendesBuch geschrieben und mir überreicht hatte. Der Vater fand den Sohn mitdem für ihn von mir erwirkten preußischen Kronenorden vierter Klassemit Schwertern noch nicht genügend ausgezeichnet und drängte unab-lässig, ihm noch eine bundesstaatliche Auszeichnung, womöglich einenmecklenburgischen, also ganz feudalen Orden zu verschaffen. Derselbeordenslüsterne Hans Paasche schloß sich, ähnlich wie der älteste Sohn desProfessors Adolf Harnack , nach dem Fall der Monarchie sofort der sozial-demokratischen Partei an und tat sich am 9. November 1918 durch be-sondere Roheit gegenüber der schwergeprüften und schwerleidendenKaiserin hervor. Er hat 6päter als Kommunist bei einem Krawall eintrübes Ende gefunden. Ich erwähne auch solche an und für sich kleine Vor-kommnisse, weil sie in mancher Hinsicht für die Psychologie revolutionärerZeiten und Persönlichkeiten bezeichnender sind als lange Betrachtungen.Am 25. Februar 1907 begann im neuen Reichstag die erste Beratung desEtats-Debatte Etats. Der Führer der Nationalliberalen, Ernst Bassermann , begrüßtefreudig die Erklärungen der Thronrede, insbesondere auch ihr klares undrückhaltloses Bekenntnis zu den sozialen Verpflichtungen gegenüber denarbeitenden Klassen und das Gelöbnis, alle verfassungsmäßigen Rechteund Befugnisse, also auch das Reichstagswahlrecht, gewissenhaft zu achten.Die Wahlen hätten das wäre ihre eigentliche Signatur und ihre großeBedeutung den Nimbus derunwiderstehlichen" Sozialdemokratiezerstört. In meiner Antwort* erklärte ich zunächst mein im Wahlkampfgeprägtes Wort von der wünschenwerten Paarung von konservativem undliberalem Geist. Alle wahrhaft fruchtbaren Epochen unserer inneren Ent-wicklung wären zurückzuführen auf die richtige Mischung von konserva-tivem und liberalem Geist. Der Paarung RoerenSinger wäre ich allerdingsam 13. Dezember 1906 entgegengetreten. Ich hob die Verdienste der Zen-trumspartei , mit deren Unterstützung ich lange Jahre regiert hätte, aufvielen Gebieten dankbar hervor, fügte aber hinzu, daß ich mir die Tyranneikeiner Partei gefallen ließe. Der Führer des Zentrums, Herr Spahn, der vorv mir zu Wort gekommen war, hatte mir vorgeworfen, daß ich die Zentrums-

* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 2; Reclam-Ausgabe IV, 202.