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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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BEBEL

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partei in denselben Topf mit der Sozialdemokratie geworfen hätte. Ichentgegnete, daß mir dies nie eingefallen wäre, wohl aber hätte ich zu meinemErstaunen und zu meinem Bedauern plötzlich das Zentrum in dem Topfder sozialdemokratischen Partei gefunden, der Sozialdemokratie, die eingroßes katholisches Blatt noch vor einigen Monaten die Partei der Christus-feindlichkeit genannt hatte. Man sündige nicht ungestraft gegen großeethische Gesichtspunkte. Ich wandte mich scharf gegen den albernen Vor-wurf, ich hätte die Wahlen in unzulässiger Weise beeinflußt. In jedem Landeder Welt nehme die Regierung für sich das Recht in Anspruch, bei denWahlen die Wähler aufzuklären über ihre Absichten und über die Absichtenihrer Gegner. Dieses Recht nähme ich auch für mich in Anspruch. Unterstürmischem Beifall und Händeklatschen der Mehrheit fügte ich hinzu:Von diesem Rechte werde ich, wenn ich dann noch an dieser Stelle stehe,bei künftigen Wahlen sogar noch in viel weiterem Umfange Gebrauch machen.Da werde ich Ihnen, meine Herren von der äußersten Linken, noch ein ganzanderes Lied vorblasen." Wer in diesem Wahlkampf gesiegt habe, sei dasdeutsche Volk. Ich würde mir in dem Schutz aller nationalen Arbeit, in dergleichmäßigen Berücksichtigung der Interessen aller Erwerbszweige, indem vollen Schutze für die Landwirtschaft, in der Förderung der Industrieund vor allem in der Fürsorge für die Arbeiter treu bleiben. Diese Politikbetrachte ich als mein eigenstes Werk, das ich nicht zerstören lassen würde.Dazu hätte ich um so weniger Veranlassung, als sich diese meine Politikdurchaus bewährt habe, wirtschaftlich und auch politisch bei den Wahlen.

Als der Abgeordnete Bebel mir vorwarf, daß ich nirgends mehr Vertrauenfände, selbst die Alldeutschen und der Flottenverein wollten nichts mehrvon mir wissen, weil sie mich zu schwächlich fänden, allein die Sozialdemo-kratie vertrete den Fortschritt, deshalb würde ich auch nervös, sobald dieRede auf die Sozialdemokratie käme oder wenn ich Bebel vor mir sähe,antwortete ich:Ach du lieber Himmel! Ich nehme die sozialdemokratischeGefahr ernst, ich nehme sie sehr ernst, aber nervös macht sie mich nicht."Ich machte kein Hehl daraus, daß es eine Zeit gegeben habe, wo ich Hoff-nungen, ernste Hoffnungen auf die Revisionisten gesetzt hätte. Aber nachdem Kotau der Revisionisten vor der fanatischen, terroristischen Mehrheitder Partei hätte ich solche Hoffnungen aufgeben müssen. Solange die Sozial-demokratie eine so unpatriotische Haltung einnehme, wie sie dies in Deutsch-land tue, solange sie öffentlich erkläre, daß sie nur so weit patriotisch wäre,als ihr Parteiprinzip dies zulasse, wäre keine Verständigung mit ihr möglich.Die Mehrheit ermahnte ich, es nicht zu machen wie die alten Deutschen , die,wenn sie gesiegt hatten, nachher auf dem Bärenfell und vor dem Methornalles vergaßen.Dann kamen die Feinde, überfielen sie und besiegten sieschließlich doch. Wir müssen wach bleiben!"