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Auf dem Festmahl des Deutschen Landwirtschaftsrats vom 14. Mai 1907Bankett des hob ich hervor*, daß ich in meiner Stellung zur Landwirtschaft der alteLandwirt- hleibe. Wenn ich mich einmal aus dem öffentlichen Leben zurückzöge, derschaftsrats A U g en blick we rde ja mal kommen, wenn auch vielleicht nicht so bald, wiedas dieser oder jener wünsche, so möge man auf meinen politischen Leichen-stein schreiben: „Dieser ist ein agrarischer Reichskanzler gewesen". Eswürde auch in der Zukunft Meinungsverschiedenheiten zwischen mir unddem Bund der Landwirte geben, denn für mich könne es nur eine einzigeRichtschnur geben: das wohlerwogene Gesamtinteresse des Landes. Darumkönne ich mich nie einer Partei, einer Richtung ganz zu eigen geben. Ichhoffe aber, es würde zwischen mir und den Landwirten gehen wie in einerguten Ehe, wo man sich zunächst hier und da zanke, bis man sich kennen-lerne und dann aneinander gewöhne und ineinander finde. Ich erklärte denum mich versammelten, ganz überwiegend konservativ und zum Teil selbstultrakonservativ gesinnten Landwirten, daß ich entschlossen wäre, eineReform des Vereins- und Versammlungsrechts, des Strafrechts und derStrafprozeßordnung im liberalen Sinne durchzuführen. Ein führenderStaatsmann dürfe nicht zögern, unzeitgemäße Zustände durch sachgemäßeReformen zu ändern. Auch eine Reform des Börsengesetzes würde ich inAngriff nehmen. Die Landwirtschaft habe gar kein Interesse daran, daßdurch die einige Jahre früher durchgeführte Börsengesetzgebung Treu undGlauben im Geschäftsverkehr erschüttert würden. Sie habe im Gegenteilein Interesse daran, daß unsere Börse gegenüber den Börsen des Auslandesnicht in den Zustand der Inferiorität gerate, daß der hohe Bankdiskont,der mit eine Folge unserer verfehlten Börsengesetzgebung sei, herabgesetztwerde. Die Landwirtschaft habe gar kein Interesse daran, daß die Börsenvon Paris und London die Berliner Börse überflügelten, kein Interesse,daß das deutsche Kapital in das Ausland wandere, kein Interesse, daß diekleinen Banken aufgesogen würden durch die großen. Die Landwirtschafthabe vielmehr ein Interesse daran, daß die Börse als hochwichtiges Wirt-schaftsinstrument erhalten und leistungsfähig erhalten würde. Wir hättenin Deutschland noch viel zu viel Vorurteile bei allen Parteien, in allenSchichten, in allen Lagern. „Wir haben viel zu viel vorgefaßte Meinungen,die wie Scheuklappen den Blick einengen." Vor Jahren sagte mir einmalein liberaler Professor, ein ganz verständiger Mann: „Wie können Sie, HerrReichskanzler, eine agrarische Politik machen, wo Sie doch so gebildet sind ?"Als ob man nicht ganz gebildet und dabei ein Stockagrarier sein könnte. Esgibt aber auch Konservative und Agrarier, die in Handel und Börse ein un-sittliches, jedenfalls ein verderbliches Element sehen. Das sind Scheuklappen,
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, 247; Reclam-Ausgabe IV, 317.