DEUTSCHE PROFESSOREN
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die wir ablegen müssen, Einseitigkeiten, die man in anderen Ländern nichtkennt, wo das Gefühl der Solidarität der verschiedenen Seiten des Wirtschafts-lebens und der Notwendigkeit ihrer Vereinigung im Interesse des Ganzenstärker entwickelt ist, als das bei uns bisher der Fall war.
Nicht nur aus politischen Kreisen kam mir Zustimmung, sondern auchaus den Reihen der Führer des geistigen Lebens der Nation, mit denenenge Beziehungen zu unterhalten mir von jeher am Herzen gelegen hatte.Ich weiß wohl, daß man gegen die politische Tätigkeit des deutschen Pro-fessors manches sagen kann und daß er sich weder 1848 in der FrankfurterPaulskirche noch vierzehn Jahre später in seinem Kampf gegen Bismarckwährend der Konfliktszeit mit Ruhm bedeckt hat. Ich gebe auch zu, daßer im Weltkrieg durch verstiegene Gedankengänge und weltfremde Vor-schläge, durch kindlichen Pazifismus und dann wieder durch aggressivenChauvinismus, durch plump zur Schau getragenen geistigen Dünkel undmonotones, witzloses Ableiern der alten, zu Phrasen gewordenen Prahle-reien von der „alle und alles überragenden deutschen Kultur" und der un-überwindlichen deutschen „wissenschaftlichen Methode", kurz: durchMangel an Psychologie, an Geschmack, an Takt, unseren Feinden nur zuoft Gelegenheit bot, uns zu verdächtigen, zu verleumden oder wenigstenszu verspotten. Professoren wie Lasson und Sombart, Hans Delbrück undJohannes Haller, Theodor Schiemann und Adolf Harnack haben manchenUnsinn gesagt und viel Schaden angerichtet. Der sozialdemokratischeProfessor Leo Arons hatte nicht ganz unrecht, wenn er einmal schrieb, daßnach den Blößen, die sich der deutsche Professor politisch im Weltkrieggegeben habe, er gut daran tun würde, sich auf lange hinaus eines vor-sichtigen Schweigens zu befleißigen. Das verhindert aber nicht, daß derdeutsche Gelehrte, dessen nächtliche Lampe den ganzen Erdball erleuchtet,der höchsten Achtung würdig ist und daß er jetzt, in der Zeit der Not,bei der akademischen Jugend mit Ernst den nationalen Gedanken hütetund pflegt.
Meine besondere Verehrung hat immer Gustav Schmoller gegolten.Als Primaner des Pädagogiums in Halle hatte ich ihn zuerst erblickt. Er Briefwar kaum achtundzwanzig Jahre alt, sein Haupthaar und sein Bart waren Gustav
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pechschwarz, er hielt feurige Ansprachen an die Studenten, die ihn ver- c mogötterten. Ich habe ihn damals eine solche Rede aus dem Fenster einesHauses am Marktplatz halten hören, ohne daß ich ihn persönlich gekannthätte. Dann trat er mir geistig nahe, als ich während meiner Pariser Tätig-keit ein eifriger Leser des von ihm herausgegebenen „Jahrbuch für Gesetz-gebung, Verwaltung und Volkswirtschaft" wurde. Ich entsinne mich, daßich in dem herrlichen Wald von Fontainebleau einen ganzen langen Sommer-tag Schmoller las und meditierte. Sein „Grundriß der allgemeinen Volks-