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KEINE SCHARFMACHERPOLITIK MEHR
wirtschaftslehre" ist mir, um mit Tukydides zu reden, ein xri](ta tg ailgeworden, ein Besitztum für immer. Seine treffliche Studie über die Epochender preußischen Finanzpolitik hat vieles in mir angeregt und geklärt.Der Schwabe Schmoller war ähnlich wie der Sachse Treitschke , wie dieHannoveraner Scharnhorst und Hardenberg, wie der an der Lahn geboreneFreiherr vom und zum Stein tiefer in Wesen und Geist des preußischen Staatseingedrungen als mancher geborene Preuße. Die Stärke von Schmollerbestand darin, daß er unser politisches Leben, unser Parteileben, unserewirtschaftlichen Verhältnisse, vor allem die preußische Verwaltung aus derNähe kennengelernt hatte, daß er mit Miquel und Althoff, mit Thiel undLohmann, mit Klemens Delbrück und Berlepsch, mit Möller und demKölner Oberbürgermeister Becker, mit meiner Wenigkeit in langjährigerFühlung stand, daß er im Staatsrat und in vielen vorbereitenden Ver-waltungs- und Gesetzgebungskommissionen, bei vielen Enqueten, imHerrenhaus als Vertreter der Berliner Universität einen unmittelbarenEinblick in das Räderwerk der Staatsuhr gewonnen hatte. Ein QuenlchenAnschauung wiegt bekanntlich schwerer als ein Zentner von Vorstellungen.Er schrieb mir nach dem Ende des Wahlkampfes am 10. Februar 1907:„Es drängt mich an dem ersten ruhigen Tage, den ich habe, nun doch dazu,Ihnen zu gratulieren, Ihnen zu sagen, wie sehr ich glaube, daß das ganzedeutsche Volk Ursache hat, Eurer Durchlaucht zu danken. Die Auflösungwar die Tat Ihres Mutes, Ihr genialer Blick hat das gute Resultat voraus-gesehen, während die meisten Patrioten es nicht zu wagen hofften. Dierichtige Einschätzung der Imponderabilien, die die Zukunft bestimmen,macht das Wesen des erfolgreichen Staatsmanns aus. Sie haben zugleichdurch diesen Erfolg einen wichtigen Teil Ihrer inneren Politik so glänzendgerechtfertigt, wie es kaum jemand so rasch zu hoffen gewagt hätte. Es istder Teil, wegen dessen ich und alle vernünftigen Sozialreformer Sie sohoch schätzen. Die Niederlage der Sozialdemokratie zeigt heute aller Welt,wie richtig Ihre Abweisung der Scharfmacherpolitik, der Ausnahmegesetzewar. Sie haben durch die der Sozialdemokratie beigebrachte Niederlageauch das Beste dafür getan, daß mit der Zeit eine innere Umbildung der-selben, eine vernünftigere Führung möglich wird, daß die Gewerkschafts-bewegung sich rascher von den fanatischen revolutionären Führern derSozialdemokraten loslösen wird, daß die nicht sozialdemokratischenArbeiterorganisationen Luft bekommen und wachsen werden. Daß Ihnendiese Hintanstellung einer Scharfmacherpolitik seit dem Antritt Ihreshohen Amtes gelang, ist Ihnen um so höher anzurechnen, als Sie zugleichgenötigt waren, die Konservativen wieder regierungsfreundlicher zu machen,und ihre Hauptführer doch nicht auf die Hauptministerstellen setzten.Sie mußten — da nun einmal bei uns eine parlamentarische Regierung nicht