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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DER WEG DER EVOLUTION

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möglich, eine Beamtenregierung über den Parteien und Klassen nötig istdie großen Schwierigkeiten, welche darin hegen, in den Kauf nehmen. Eswird Ihr Ruhmestitel immer bleiben, daß Sie diese Schwierigkeiten über-wunden haben. Wir besprachen vor einem Jahr einmal, bei Fürst Knyp-hausen, daß und warum heute nur so zu regieren sei. Es ist Ihnen gelungen,doch immer wieder eine Majorität zu erhalten. Sie haben jetzt Konservative,Nationalliberale und Fortschritt besser zu gemeinsamer Aktion gebrachtals kaum je in der preußischen Verfassungsgeschichte. Es wird sich nunfreilich darum handeln, dieses Verhältnis aufrechtzuerhalten, und das wirdvielleicht noch schwieriger sein, als es in der Wahlkampagne herbeizu-führen. Es wird Ihnen dadurch erleichtert werden, daß Sie die Karten inder Hand haben, auch wieder eine konservativ-ultramontane Mehrheit zubilden. Aber ich hoffe, daß es Ihrer Kunst gelingt, ohne das auszukommen!Denn dieses Aushilfsmittel würde Ihnen die große Popularität und Macht,die Ihnen die Wahlen verschafft haben, wieder nehmen. ,Bülow ist so klug,daß ihm gelingt, was allen anderen mißlingt' so sagte mir mal das Mit-glied der Bismarckschen Familie, das nach dem Tode des großen Kanzlersdoch wohl das feinste und weitsichtigste ist, das im übrigen aber natürlichnicht an zu bedingungsloser Verehrung für den heutigen Reichskanzlerleidet. Verzeihen Sie, Durchlaucht, diese Zeilen der Belästigung und ant-worten Sie mir nicht darauf. Sie haben mehr und Besseres zu tun. Ich undMillionen Deutsche mit mir danken heute noch viel inniger als im Sommer1906 dem Schicksal, das Ihre Gesundheit wieder so vollständig herstellte.Möge sie Ihnen noch recht viele Jahre erhalten bleiben zu Ihrer Freude,zum Wohl des Vaterlandes. Ihr treu ergebener Gustav Schmoller ." Nichtalle Hoffnungen, die der ausgezeichnete Mann an den Wahlsieg von 1907knüpfte, haben sich erfüllt. Wenn es mir vergönnt gewesen wäre, nocheinige Jahre am Staatsruder zu stehen, so glaube ich, daß ich meinem Ziel,mit der Monarchie und durch die Monarchie, die im neunzehnten Jahr-hundert dem Bürgertum, dem gebildeten und gelehrten wie dem schaffenden,die ihm gebührende Stellung gab, auch dem Arbeiter die volle Gleich-berechtigung mit den anderen Ständen und Klassen zu verschaffen, denvierten Stand auf friedlichem Wege, auf dem Wege der Evolution in dasStaatsleben einzurenken, um ein gut Teil nähergekommen wäre. Und daswäre für Volk und Land besser gewesen als die Novemberrevolution, dennnicht mit Unrecht sagt ein scharfer, ein tiefer Denker, Hippolyte Taine :En fait d'histoire il vaut mieux continuer que recommencer."

Der sehr von mir geschätzte, mir befreundete Ministerialdirektor Althoff,ein bedeutender Mann, telegrafierte mir:Ich möchte mir nicht ver- Telegrammsagen, meine helle Freude über den 25. Januar und den von Eurer Durch- -Althoffslaucht hervorgerufenen nationalen Aufschwung auszudrücken als Ihr in