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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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WILHELM II. GEGEN CAMBON

ich persönlich seit über zwanzig Jahren kenne, habe mir offen und wieder-holt dargelegt, daß es hinsichtlich der deutsch -französischen Beziehungendarauf ankomme, nichts zu überstürzen. Übertriebene Avancen von unsererSeite wären ebensowenig angebracht wie Drohungen und Brüskierungen.Für intime Beziehungen mit Deutschland sei in Frankreich die öffentlicheMeinung noch nicht reif. Sie wolle aber ebensowenig oder vielmehr nochviel weniger den Konflikt, sondern Ruhe, ohnesoubresauts" in der einenoder anderen Richtung. (Dazu schrieb der Kaiser an den Rand:Der-gleichen Frechheiten kann Cambon füglich für sich behalten! Wie Ich dieGallier behandelt wissen will, ist Meine Sache und habe Ich in Kiel dazudie nötigen Orientierungen vorgenommen.") Ich berichtete im weiterenVerlauf meines Schreibens, daß Cambon sich über Marokko verständig aus-gesprochen hätte. Er habe betont, daß Frankreich sich auf dem Boden derAlgeciras -Akte halten wolle. Wenn einzelne Bestimmungen jener Akte ineinigen Jahren abgelaufen sein würden, so hätten Deutschland und Frank-reich bis dahin Zeit, sich zu überlegen, was hinterher eintreten solle. InFrankreich wisse man sehr gut, daß dies wesentlich davon abhängen werde,wie sich die allgemeinen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich inzwischen gestaltet haben würden. Trotz dieser ganz verständigenSprache des französischen Botschafters schrieb der Kaiser übellaunig undvorschnell unter meine Meldung:Cambon hat Ihnen absolut nichts Neuesoder Interessantes gebracht, zudem olle Kamellen aufgewärmt. Uber Ma-rokko weiß er ebensowenig, was Frankreich eigentlich machen will, wieClemenceau oder sonst einer von der Regierungsbande. Seine Bemer-kungen erheben sich über die flachste diplomatische Salookonversationnicht heraus." Was mich an diesen Allerhöchsten Bemerkungen störte,war nicht sowohl die in ihnen zum Ausdruck gebrachte üble Laune, dennsie pflegte rasch zu verfliegen. Was mich mit ernsterer Sorge erfüllte, wardie offensichtliche Tendenz des Kaisers, das Verhältnis zu Frankreich suomodo zu behandeln, persönlich und nach eigenen Ideen und Impressionen,also seinen eigenen Minister des Äußern zu spielen und damit eine Aufgabezu übernehmen, der er in keiner Weise gewachsen war.

Im politischen Leben ist es traurig, daß neben schönen, großen, er-Bruch hebenden Momenten und Eindrücken immer wieder das Gemeine undziciichen Niedrige sich bemerkbar macht. Während meiner Erkrankung hatten sichEulenburg j£ 0 ] slem unc | Philipp Eulenburg veruneinigt.

Wer der Unsterblichen reizte sie auf zu feindlichem Hader? fragt imEingang der Ibas der blinde Sänger die Muse, bevor er den Zwist desVölkerfürsten Agamemnon mit dem mutigen Renner Achilleus schildert.Bei dem morbiden Zug, der dem im übrigen so glänzend begabten Eulen-burg eigen war, und da Holstein bei aller Verstandesschärfe nur zu oft ein