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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE LIEBENBERGER TAFELRUNDE

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pathologisches Mißtrauen zeigte, das ihm falsche Bilder vorspiegelte undihn dann zu hyänenhafter Verfolgungssucht verleitete, würde wohl nur einerfahrener Psychiater Ursprung und Berechtigung dieser Entzweiungfeststellen können. Aus dem Zusammenstoß dieser beiden Männer, derenjeder lange Jahre eine maßgebende Bolle gespielt hatte, stiegen nach undnach üble Dünste empor, die die Atmosphäre des öffentlichen Lebens inDeutschland vergifteten und grell kontrastierten mit dem glanzvollenAufschwung, den der nationale Gedanke anläßlich der Beichstagsauflösungerlebt hatte.

Im Mai 1906 hatte mir Eulenburg sehr erschrocken mitgeteilt, daß ihmHolstein bald nach seinem Bücktritt plötzlich einen über alle Maßen be-leidigenden Brief geschrieben habe, der mit den Worten anfing:MeinPhili! Dieser Anruf ist kein Zeichen der Hochschätzung, denn ,Phili' be-deutet heute unter Zeitgenossen nichts Gutes. Ihr langjähriges Ziel,meine Beseitigung, ist nun endlich erreicht. Auch sollen die gemeinen Preß-angriffe gegen mich gerade Ihren Wünschen entsprechen." Den Best desHolsteinschen Briefes teilte mir Eulenburg nicht mit, da der Inhalt garzu abscheulich sei. Eulenburg schrieb mir weiter, daß dieser Brief ihn um sotiefer getroffen habe, als er sich schon vor Empfang dieser ihn aufs höchsteaufregenden Post krank und recht angegriffen gefühlt hätte. Er habe sichaber gesagt, daß, um seinen heißgeliebten Kindern einen in seiner Ehreintakten Vater, dem Kaiser einen intakten Freund zu erhalten, Blut fließenmüsse. Obwohl ein prinzipieller Gegner des Duells, trotz dem Bewußtsein,dem Mittelalter eine Konzession zu machen, die der gesittete Brauchanderer Kulturländer ablehne, habe er Holstein fordern lassen. In einerlangen Denkschrift, die er mir übersandte, führte er weiter aus, daß seinFreund, der württembergische Gesandte Baron Axel Varnbüler, als seinSekundant die Angelegenheit in der Weise in Ordnung gebracht hätte,daß Eulenburg auf Ehrenwort erklärte, er habe weder bei der Entlassungvon Holstein mitgewirkt, noch sich an Angriffen der Presse gegen ihnbeteiligt, Holstein dagegen die von ihm in seinem Brief an Eulenburggebrauchten, im höchsten Grade beleidigenden Ausdrücke zurückgenom-men habe. Bald nachher brachte die BerlinerZukunft" sehr scharfe An- Die Angriffegriffe gegen Philipp Eulenburg , dessen Freund, den Kommandanten von derZukunftBerlin, Graf Kuno Moltke , und dieLiebenberger Tafelrunde", die be-schuldigt wurde, durch ihre nahen Beziehungen zum Kaiser politischesUnheil anzustiften. In diesem Kreise sollten, so hieß es in derZukunft",Spiritismus, Gesundbetereiund andere krankhafte Neigungen" herrschen.

Ich ließ Philipp Eulenburg zu mir bitten. Wie ich ausdrücklich betonenmöchte, war ich fest überzeugt, daß der gegen Eulenburg erhobene Vor-wurf perverser Neigungen unbegründet wäre. Sein überaus herzliches Ver-

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