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DER EULENBURG-SKANDAL
hältnis zu seiner Frau und zu seinen Kindern, die schwärmerische Liebe,mit der seine gute, ausgezeichnete Frau an ihm hing, ließen mir diese Ver-dächtigung als eine Ungeheuerlichkeit erscheinen. Es kam dazu, daß, alssein einziger Bruder, der Rittmeister Graf Friedrich Eulenburg, solcherVerfehlungen überführt wurde, Philipp Eulenburg sich mit, wie mir schien,ganz ehrlichem Abscheu von ihm losgesagt hatte. Ich habe das bereitserwähnt. Auch hatte Philipp Eulenburg mir einige Zeit vorher anvertraut,daß eine „edle" Frau, mit der er vor Jahren eine Liebelei gehabt hätte,dadurch in eine schreckliche Lage gekommen wäre. Ihr Mann, ein Spielerund Lump, drohe mit Skandal und Scheidung; es wäre eine größere Summenötig, um diesen Erpresser zum Schweigen zu bringen. Alles schien mirdafür zu sprechen, daß Philipp Eulenburg unnatürliche Laster mit Un-recht nachgesagt würden. An dieser Überzeugung habe ich bis zu jenemMünchener Prozeß festgehalten, bei dem der unglückliche Eulenburg unterder Aussage eines Starnberger Fischers zusammenbrechen sollte. Ich habegelegentlich hören müssen, daß ich in Philipp Eulenburg ein wenn auch nichtleichtfertiges, so doch unvorsichtiges Vertrauen gesetzt hätte. Ich kannmich darauf berufen, daß auch der verehrungswürdige Graf Botho Eulen-burg, der seinen Vetter seit dessen Kindheit kannte, ihn bis zu der Mün-chener Bloßstellung widernatürlicher Verfehlungen für unfähig hielt. DaßPhilipp Eulenburg in seinen Briefen oft in einen allzu süßlichen Ton ver-fiel, machte mich nicht irre.Wie schwärmerische Briefe schrieben sich dieMitglieder des Göttinger Hainbundes ! Der fast achtzigjährige, feierliche,eher steife Goethe schreibt an seinen gleichaltrigen Freund, den MusikerZelter, er könne den Augenblick nicht erwarten, wo er ihn, den Geliebten,wieder in seine Arme schließen würde. Aber wenn ich im Frühjahr 1907 ander Intaktheit von Eulenburg noch nicht zweifelte, so wußte ich dochnur zu gut, daß er zu spiritistischem Unfug neigte, obwohl ich ihn mehrfachgewarnt hatte. Ich kannte sein neurasthenisches Naturell und wußte, daßschon der seinerzeit von Marschall kurz vor seinem Rücktritt angestrengteProzeß Tausch, in dem Eulenburg als Zeuge vorgeladen wurde, ihn ent-setzlich aufgeregt und beinahe auf das Krankenbett geworfen hatte. Ichwar also bestrebt, wenn irgend möglich, einem Prozeß vorzubeugen. Indiesen meinen Bemühungen unterstützte mich sowohl Walter Rathenau ,damals ein intimer Freund von Maximilian Harden , den ich persönlich nochnicht kannte, wie der gleichfalls mit Harden befreundete Leiter des Deut-schen Schauspielhauses in Hamburg , der geistig bedeutende und dabeiwarmherzige und hilfsbereite Baron Alfred Berger , der Gatte der großenSchauspielerin Stella Hohenfels . Ich werde im nächsten Kapitel darlegenmüssen, wie trotz der redlichen und klugen Bemühungen von Rathenau und Berger, und obwohl Eulenburg selbst sich einem Prozeß in jeder Weise