FANFARE AN BORD DER „STANDART
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zu entziehen suchte, die Kabinettschefs Seiner Majestät, Lucanus undHülsen, und der Kommandant des Kaiserlichen Hauptquartiers, GeneralPlessen, unterstützt von der ganzen Maison militaire, trotz meinem Abratenund Warnen und gegen das Staatsinteresse es schließlich dahin brachten,daß Kuno Moltke den Prozeß anstrengen mußte.
Der für die Regierung so glänzende Ausfall der Reichstagswahlen hatteunsere Stellung nach außen und in der Welt befestigt und gehoben. Das BegegnungenAusland war überzeugt, daß Fortschritte der sozialdemokratischen Be- des Kaisers mitwegung in Deutschland eine Schwächung des Reichs bedeuteten. Man kann Nikolaus •geradezu sagen, daß das Wachsen oder Abnehmen der sozialdemokratischen £^ uar j yjjPartei ein Thermometer war, nach dem die Welt den Gesundheitszustanddes deutschen Volkskörpers und damit dessen Stärke beurteilte. Die beidenBegegnungen, die im Sommer 1907 zwischen Kaiser Wilhelm II. einerseits,dem Zaren und dem König von England andererseits in Swinemünde und inWilhelmshöhe stattfanden, boten Anlaß zu lehrreichen Beobachtungen undFeststellungen in dieser Hinsicht. Beide Begegnungen verliefen gut. Bei derAbschiedsfeier an Bord der russischen Jacht „Standart" brachte KaiserNikolaus am 6. Juni 1907 einen für seine Zurückhaltung und Wort-kargheit ungewöhnlich warmen Toast aus, in dem er die Fortdauer derBeziehungen überlieferter Freundschaft und Verwandtschaft betonte, diebeständig ein enges Band zwischen den beiden Ländern und den beidenDynastien gebildet hätten. Für Kaiser Wilhelm hatte ich einen in keinerWeise pointierten, vielleicht etwas farblosen Toast entworfen, der nirgendAnstoß erregen konnte. Der Kaiser, durch das freundliche Entgegen-kommen des Zaren ermuntert, konnte es sich aber nicht versagen, einenFanfarenstoß ertönen zu lassen. Er hielt eine Rede, in der er seine prächtigeFlotte herausstrich und betonte, wie stolz er wäre, seinem Bruder undFreunde eine solche Flotte vorführen zu können. Er hoffe, daß dem Zarenrecht bald ein gleiches Glück beschieden werden möge. Inzwischen beglei-teten seine heißesten Wünsche den Neubau der russischen Flotte. Ich unter-drückte kurzerhand diesen oratorischen Erguß und wies den an Bord der„Hohenzollern " befindlichen Vertreter von Wolfis Telegraphenbüro an,meine Version zu verbreiten. Der neue russische Minister des Äußern,Iswolski , der 1906 den wegen Kränklichkeit zurückgetretenen und baldnachher, im März 1907, in San Remo verstorbenen Grafen Lambsdorffersetzt hatte, erhob zunächst einige Bedenken, meinte aber schließlichlächelnd: „Certainement le discours de Sa Majeste FEmpereur etait plusbeau, mais le vötre est plus sage. Publions le votre!" Als Kaiser Wilhelm am folgenden Tage nicht seine, sondern meine Rede in den Zeitungenfand, brummte er ein wenig, beruhigte sich aber bald. Er war damals nochlenkbar.