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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DER SNOB ISWOLSKI

Alexander Petrowitsch Iswolski war ein alter Freund von mir. WirItwoUkis hatten uns während meiner vierjährigen Tätigkeit als Botschaftsrat inKarriere s t> Petersburg im Klub und in der Gesellschaft viel gesehen. Ich hatteauch Gelegenheit gehabt, mich ihm durch meine guten Beziehungen zu demMinister Giers, zu dessen Adjoint Vlangaly wie zu dem einflußreichen Chefdes asiatischen Departements, Zinowjew, nützlich zu machen. In dem da-maligen Rußland spielten, wie in allen absolutistisch regierten Ländern,persönliche Beziehungen und Einflüsse, die Klubs und Salons, Empfeh-lungen und Konnexionen eine große Rolle. Iswolski war vor allem ein Snob.Aus kleinen Verhältnissen hervorgegangen, wünschte er den Damen zugefallen. Damals lag er einer schönen Witwe, der Generalin A., zu Füßen.Sie schlug aber seine wiederholten Heiratsanträge ab. Als Iswolski esspäter zum Botschafter und Minister des Äußern brachte, wurde Madame A.von einer Freundin gefragt, ob sie nicht bedaure, eine so glänzende Partierefüsiert zu haben. Sie erwiderte:Je Tai regrette tous les jours, mais jem'en suis felicitee toutes les nuits." Iswolski war sehr häßlich, er sah auswie ein Kalmücke, aber er war intelligent und ehrgeizig. Er hatte in seinerKarriere les hauts und les bas gekannt. Erst nur an kleinen Balkanpostenverwandt, wo er sich nach der alten Tradition der russischen Balkan-diplomatie mit Eifer an Komplotten und Verschwörungen beteiligte, wurdeer Gesandter beim Päpstlichen Stuhl, während ich Botschafter beimQuirinal war. Er verkehrte viel in meinem Haus. Er hatte inzwischen eineliebenswürdige, hübsche und elegante Frau aus distinguierter Familiegeheiratet, eine Gräfin Toll, Tochter des langjährigen russischen Gesandtenin Weimar, die nach Abstammung und Erziehung halb oder vielmehr drei-viertel deutsch war, übrigens auch evangelisch. Alexander Petrowitsch liebte und bewunderte sie, sans comparasion, etwa wie Napoleon als jungerrepublikanischer General zu der Vicomtesse Josephine Beauharnais emporsah als zu einem Wesen aus einer höheren Gesellschaftssphäre. Erbegleitete sie jeden Sonntag zum Gottesdienst in die evangelische Kapelledes Palazzo Caflarelli. Von Rom kam Iswolski zu seinem Schmerz nachJapan. Er fürchtete bei der heiklen Natur der russisch- japanischen Bezie-hungen, da die russischen Generäle und viele einflußreiche SpekulantenJapan brutalisierten, die russischen Diplomaten aber keinen Krieg mitJapan wollten, sich dort den Hals zu brechen. Ich tröstete ihn mit derVersicherung, daß seine Gewandtheit ihm schon durchhelfen würde. MeinZuspruch tat ihm wohl, und er hat mich oft dankbar daran erinnert. Erkam auch mit heiler Haut aus Japan zurück, um Gesandter in Kopenhagen zu werden, für Rußland eine Familiengesandtschaft und ein Sprungbrettfür künftige Botschafter. Als Iswolski hörte, daß in St. Petersburg eingroßes diplomatisches Revirement vorbereitet würde, schickte er seinen