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EDUARD VII. IN WILHELMS HÖHE
nur der Revolution zugute kommen würden, die beide Reiche bedrohe,Rußland noch mehr als Deutschland . Es sei ein grober Irrtum mancherrussischer Chauvinisten, äußerte er zu mir, anzunehmen, daß ein auswärtigerKrieg gegenüber der inneren, revolutionären Gefahr als „derivatif "wirken würde. Ich entgegnete ihm: „Vous parlez d'or, mon eher ami. Sepreeipiter dans la guerre pour eviter la revolution serait imiter l'exemple deGuibollard, qui, chez Rabelais, se jette dans l'eau pour echapper ä la pluie."Er lachte und gab mir recht. Wenn man in St. Petersburg kaltes Rlutbewahre, von deutscher Seite Rußland nicht in der polnischen Frage undauf der Balkanhalbinsel brüskiere, würden wir beide nicht ersaufen.
Am 14. August fand in Wilhelms höhe eine Zusammenkunft zwischen„Peace and Wilhelm II. und Eduard VII . statt. Der König beehrte mich mit einer lan-gootl will" g en Aussprache, in der er den Gedanken in den Vordergrund stellte, daß,je törichter sich vielfach diesseits und jenseits des Kanals die Presse, jeunvernünftiger auch die Völker oder wenigstens eine Minorität innerhalb derbeiden Völker sich benähmen, um so mehr die beiden Regierungen kaltesBlut bewahren müßten. Er versicherte mich seines unveränderten Ver-trauens und fügte hinzu, ich könne sicher sein, daß er nach wie vor auf daslebhafteste „Peace and good will" zwischen Deutschland und England wünsche. In einem sehr warmen Trinkspruch, dessen Veröffentlichung erausdrücklich erbat, dankte er für den herzlichen Empfang, der ihm bereitetworden sei, nicht nur von Seiten der Behörden und der Truppen, die in Paradegestanden hätten, sondern auch von dem Volk, wo es ihm in den Straßenbegegnet wäre. Er fuhr in seinem Trinkspruch fort: „Indem ich von ganzemHerzen meinen besten Dank ausspreche, füge ich hinzu, es ist mein größterWunsch, daß zwischen unseren beiden Ländern nur die besten und ange-nehmsten Beziehungen bestehen. Ich freue mich sehr, daß Eure Majestätmich bald in England besuchen werden. Ich bin fest davon überzeugt, daßnicht nur meine Familie, sondern das ganze englische Volk Eure Majestätund Ihre Majestät die Kaiserin mit der größten Freude empfangen werden."
Vor dem Abendessen unternahm der Kaiser mit dem König eine Rund-fahrt durch die anmutige Umgebung von Wilhelmshöhe und die Straßendes aufblühenden Kassel, dessen Bürgermeister damals noch nicht HerrPhilipp Scheidemann, sondern ein bewährter Jurist und Verwaltungs-beamter war. Der König hatte den Kaiser aufgefordert, mich zur Teilnahmean dieser Fahrt einzuladen, worauf der Kaiser mit Freude einging. DieUnterredung ä trois war ungezwungen und durchaus freundlich. Ich weißnicht, wie der Kaiser auf die Idee kam, den König zu fragen, wie es Eckard-stein ginge. Der König antwortete mit verächtlicher Betonung und einerwegwerfenden Handbewegung, daß er nicht wisse, „what became of thatfellow". Als der Kaiser den König erstaunt frug, ob er etwa Eckardstein