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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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ZWISCHEN SZYLLA UND CHARYBDIS

Abrüstung mußte ich, wie in so manchen anderen Fragen, den Weg zwischenSzylla und Charybdis nehmen, die Mittelstraße, die in diesem Falle dierichtige war. Ich habe natürlich nie daran gedacht, die Sicherheit desLandes scheinheiligen Versicherungen unserer Feinde und Neider, hohlenPhrasen weltfremder, bisweilen auch unehrlicher Schwärmer zu opfern.Das brauche ich nicht weiter zu begründen, nachdem die Sieger des Welt-kriegs, sobald sie mit Hilfe der auf die einfältigen deutschen PazifistenberechnetenVierzehn Punkte" Wilsons ihr Spiel gewonnen hatten, diepazifistische Maske abgeworfen haben und uns unverhülll ihr grinsendes,grausames Antlitz zeigten. Der Vertrag von Versailles , der nicht nur allenpazifistischen Ideen und Grundsätzen ins Gesicht schlägt, allen Bestre-bungen für Völkerversöhnung und Völkerbund den Boden entzieht, son-dern der in seinem ganzen Aufbau wie in seiner Ausführung ein Hohn aufGerechtigkeit und Vernunft, auf Treue und Redlichkeit ist, zeigt zu deut-bch, wie innerlich verlogen die feindliche Propaganda uns gegenüber istund von jeher war. Um so trauriger, daß aus Einfältigkeit und Verblendung,bisweilen auch aus niederträchtiger Parteiverbissenheit oder erbärmlichenpersönlichen Motiven manche Deutsche solchem Treiben unserer Feinde Vor-schub geleistet haben. Das Brandmal der Schande und Infamie, das die Ge-schichte auf die Stirn des Ephialtes und des Judas Ischariot drückte, haftetfür immer an den Namen Greiling und Eisner, Friedrich Wilhelm Förster undFechenbach. Aber gerade weil ich die Verlogenheit der Deutschland feind-lichen Propaganda auf Grund eigener und langjähriger Erfahrung im Aus-land nur zu wohl kannte, war ich bemüht, den Kaiser von Reden und Gestenabzuhalten, die ihn als einen Friedensstörer erscheinen ließen, der er garnicht sein wollte und tatsächlich auch gar nicht war. Ich hatte ihn schon imMai 1899 bei dem ersten Friedensvorschlag des Zaren ermahnt, nicht dieodiose Rolle des Störenfrieds zu spielen, der die edlen Pläne der Friedens-freunde vereitle und die Schuld trüge, wenn die Welt unter der Lastwachsender Militärausgaben seufze. Darum bestand ich auch jetzt, achtJahre später, gegenüber dem anfänglichen Widerspruch Seiner Majestätauf unserer Teilnahme an der zweiten internationalen Friedenskonferenz.Wie ich schon öfters hervorheben mußte, gefiel sich Wilhelm IL, der imKern seines Wesens ein echter und ernster Friedensfreund und jedenfalls imHandeln ein aufrichtigerer Pazifist war als mancher andere Souverän und alsdie meisten demokratischen Schwätzer im Inlande und namentlich imAuslande, mit der ihm eigenen Zwiespältigkeit des Wesens, mit seiner sohäufigen Verwechslung von Schein und Wesen darin, pazifistischen Bestre-bungen nach außen hin ablehnend gegen überzutreten und, wo sich einepassende oder auch unpassende Gelegenheit bot, die Schale seines Spottsüber solche Bestrebungen auszugießen.