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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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LE BARON DE SCHOEN

kein Botschafter, konnte aber in Wien weniger Schaden anrichten als inLondon , wohin ihn der Kaiser ursprünglich dirigieren wollte. Die Minder-wertigkeit des Baron de Schoen , wie sich der deutsche Staatssekretär aufseinen Visitenkarten nannte, die mir schon früher bisweilen Sorge bereitethatte, sollte in ihrem ganzen Umfange erst nach seiner Berufung an dieZentralstelle zutage treten. Ich weiß nicht, ob der berüchtigte Semi-Gotharecht hat, wenn er behauptet, Schön sei aus deruralten Wormser Juden-gemeinde" hervorgegangen, er gehöre sogar dem besonders geachtetenjüdischen Stamm Isaschar (Schochem) an. Das mit der Familie Schön ver-wandte Haus Heyl zu Herrnsheim sei gleichfalls eine durch Leder reichgewordene Wormser Judenfamilie. Die jüdische Extraktion des Barons vonSchön würde mich nicht gestört haben. Ich muß aber leider feststellen, daßich bei ihm jene Arbeitslust und Arbeitskraft, die Klarheit und Schärfedes Verstandes, die geschäftliche Tüchtigkeit und den geschäftlichen Ernstvermißt habe, die mir bei vielen Israeliten entgegengetreten sind und dieihnen auch von ihren Gegnern nicht abgesprochen werden können. Frauvon Schön, eine Belgierin, durch langen Aufenthalt im Seinebabel bedenk-lich verparisert, trug nicht dazu bei, die ohnedies bescheidene dienstlicheBrauchbarkeit ihres Gatten zu erhöhen. Der Kaiser war aber nicht dazu zubewegen, Mühlberg oder Kiderlen als Staatssekretär zu akzeptieren. Bot-schafter in Petersburg wurde Graf Friedrich Pourtales, der dort mehrereJahre Botschaftsrat gewesen war und das dortige Terrain kannte, auch inder Bismarckschen Zeit als Amanuensis von Herbert Einblick in die großePolitik gewonnen hatte.