DER NEUE STAATSSEKRETÄR DES ÄUSSERN
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geneigt, die „gekränkte Leberwurst" zu spielen, wie in seinem drolligenJargon der Berliner sich ausdrückt. Da der Kaiser gleichzeitig auf derAbberufung des allerdings schon fünfundsiebzigjährigen, selbst dem damalsziemlich bequemen Posten des Statthalters von Straßburg nicht mehrgewachsenen Fürsten Hermann zu Hohenlohe-Langenburg bestand, soergab sich die Notwendigkeit eines umfassenden Revirements. Eine großeSchwierigkeit meines Amtes war von Anfang an für mich gewesen, der nichtbös gemeinten, meist aus gütigem Herzen hervorgehenden, aber nicht immerden Interessen des Dienstes entsprechenden Einmischung des Kaisers inPersonalien zu begegnen. Bei seiner Vorliebe für Tschirschky würde derKaiser dessen Enthebung von dem Posten des Staatssekretärs nie zuge-stimmt haben, wenn der „allezeit Getreue", der zwar im Reichstag nichtsprechen konnte, Seiner Majestät aber nie widersprach, nicht ein ausrei-chendes Äquivalent erhalten hätte. Ich muß übrigens zugeben, daßTschirschky den Posten des Staatssekretärs nur ungern übernommen hatte.Er hatte mir im Augenblick seiner Ernennung in wehmütigem Tone ge-schrieben: „Euer Durchlaucht ist nicht unbekannt, daß mein Sinn niedarauf gerichtet gewesen ist, in der Öffentlichkeit irgendeine Rolle zu spie-len. Die ganze Anlage meiner Natur liegt nicht in dieser Richtung." Nach-dem er dargelegt hatte, daß und warum das Glück im Winkel mehr seinIdeal sei als rauschende Erfolge auf der Agora, daß ihm die Nerven fehlten,um dem Parlament gegenüber wirksam aufzutreten, bat er darum, ihm dieparlamentarischen Pflichten seines Amtes „durch Unterstützung vonanderer Seite" zu erleichtern.
Da ich bei meiner geschäftlichen Überlastung unmöglich jede an denStaatssekretär des Auswärtigen Amts gerichtete Anfrage in der Kom-mission oder im Plenum selbst beantworten konnte, wir in Deutschland auch keine besonderen Sprechminister hatten, wie ihn das zweite Kaiser-reich in Frankreich in Rouher besaß, und endlich der Unterstaatssekretärauch nicht nach parlamentarisch-oratorischen Triumphen verlangt, trennteich mich von Tschirschky. Als dessen Nachfolger verlangte der Kaiser einenihm „sympathischen" Diplomaten, was leider nicht immer ein Beweis fürdie Tüchtigkeit des Betreffenden war. Endlich wünschte Seine Majestätnach Straßburg einen General zu setzen, entweder den Chef des Militär-kabinetts Dietrich Hülsen oder den Kommandanten des Großen Haupt-quartiers, den General von Plessen. Ich entschloß mich schließlich zu einerauf gegenseitigen Zugeständnissen beruhenden Lösung, durch dieTschirschky nach Wien kam, der bisherige Botschafter in Petersburg ,Herr von Schön, Staatssekretär des Äußern wurde und der bisherige Bot-schafter in Wien , Graf Karl Wedel, Statthalter von Elsaß-Lothringen.Die letztere Wahl war die einzige wirklich gute. Tschirschky war im Grunde