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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE DROHENDEN HARDEN-PROZESSE

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Am 9. November 1907 sollte das Kaiserpaar seine Reise nach England antreten. Die Alten glaubten, daß, wenn menschlichen Unternehmungen Abreise mitGefahr und Unheil drohten, die Götter dies vorher durch Unglück ver- Hindernissenheißende Zeichen ankündigten. Dann flogen die Adler links statt rechts, nach England oder die heiligen Hübner weigerten sich, das ihnen vorgeschüttete Futter zufressen. Der Kaiserreise nach England ging ein im Geiste der antiken Denk-weise bedeutungsvolles Vorspiel voraus. Alle Vorbereitungen waren getrof-fen, als der Kaiser mich plötzbch ans Telephon rief, um mir mitzuteüen,daß er einen Unfall gehabt hätte. Er habe sich schwindlig gefühlt und aufein Sofa ausgestreckt. Plötzbch wäre er, offenbar von einer kurzen Ohn-macht befallen, vom Sofa heruntergefallen.Mein Kopf schlug so hart aufden Boden auf, daß meine Frau, von dem Lärm erschreckt, voll Angsthereinstürzte." Der Kaiser fügte hinzu, daß er bei so angegriffenemGesundheitszustand unmöglich die ermüdende Reise nach England unter-nehmen könne und dies seinem Onkel, dem König, telegraphiert habe.Bald nachher erschien der Oberhofmarschall Graf August Eulenburg beimir, um mir im Auftrag der Kaiserin zu sagen, daß derUnfall" nichtschlimm gewesen wäre. Die Ohnmacht und das Aufschlagen des Kopfes aufden Boden hätten nur in der Phantasie Seiner Majestät existiert. Mit derBitte um strengste Diskretion erklärte mir Graf August Eulenburg denganzen Vorgang damit, daß es dem Kaiser im Hinblick auf die Kampagneder HardenschenZukunft" gegen den Fürsten Eulenburg, den GrafenKuno Moltke und andere Freunde Seiner Majestät und die drohendenSkandalprozesse peinlich sei, sich jetzt in England zu zeigen. EinigeStunden später kam, sehr bestürzt, der engbsche Botschafter zu mir. Erhabe von seinem Souverän ein dringendes Telegramm erhalten, durch dasihm König Eduard mitteile, er habe vom Kaiser die Nachricht bekommen,daß dieser seine Reise nach England aufgebe. Ein so plötzlicher, ganz uner-klärbcher Entschluß würde politisch von bedenkbchen Folgen sein undjedenfalls die in der letzten Zeit in erfreulicher Weise gebesserten deutsch- enghschen Beziehungen nicht günstig beeinflussen. Der König bat umsofortige Aufklärung über den rätselhaften Entschluß des Kaisers. Ich ver-sprach dem Botschafter, daß ich Rücksprache mit Seiner Majestät nehmenwürde. Er meinte, daß sich dies in der Tat empfehlen würde.Dasschlimmste ist nämlich", fuhr er fort,daß ich vor einer Stunde im Tier-garten dem angebbch schwer erkrankten Kaiser begegnet bin, der sehrvergnügt, umgeben von einem Schwärm Adjutanten, die große Queralleeherunterritt." Ich schrieb nun Seiner Majestät einen ernst gehaltenenBrief, in dem ich meinerseits um Aufklärung bat, nicht nur, um den eng-lischen Botschafter beruhigen zu können, sondern auch für meine eigeneBeruhigung im Hinblick auf die deutsch- englischen Beziehungen. Der

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