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EINE STEH AUF-NATUR
Kaiser ließ mich nach einigen Stunden bitten, den Abend mit ihm imTheater zu verbringen oder wenigstens, wenn meine Geschäfte dies nichtzuließen, ihm dort während der großen Pause in dem kleinen Salon vorder kaiserlichen Loge meinen Vortrag zu halten. Ich fand den Kaiser sehrmunter, ganz unbefangen. Er war wirklich eine Stehauf-Natur. Er meinte,die Indisposition wäre überwunden. Er habe einen ihn erfrischendenSpazierritt gemacht und gut gegessen. Er fühle sich wieder ganz unter-nehmungslustig, sehr „kregel", und sei bereit, überall hinzureisen, wohinich ihn im Interesse unserer Politik schicken wolle. Ich konnte meinenalten Freund Lascelles noch an demselben Abend davon in Kenntnissetzen, daß Seine Majestät der Kaiser sich wieder wohl und in der Lagefühle, die Reise nach England zu unternehmen.
Am 10. November traf das Kaiserpaar in London ein. Am 12. Novemberwar das große Festmahl in Windsor. König Eduard konnte sich nicht ver-sagen, in seine Rede den etwas maliziösen Passus einzufügen, er hätte seitlanger Zeit gehofft, diesen Besuch zu empfangen, aber im letzten Augen-bbck gefürchtet, daß die Reise infolge einer Unpäßlichkeit des DeutschenKaisers nicht stattfinden könnte. „Glücklicherweise sehen Eure Majestätenjetzt beide so voller Gesundheit aus, daß ich nur hoffen kann, Eurer Ma-jestäten Aufenthalt in England werde Euren Majestäten recht wohltun."Der König hatte mit dem Kaiser, obwohl dieser inzwischen schon acht-undvierzig Jahre alt geworden war, gelegentlich immer noch den schalk-haften Ton eines würdigen und erfahrenen Onkels mit einem noch jugend-lichen, unreifen und etwas unberechenbaren Neffen. Dann aber fuhr derKönig fort, daß er niemals, so lange er lebe, die Güte und Sympathie ver-gessen werde, die ihm der Kaiser in der Zeit erwiesen hätte, als die große,verehrte Königin Victoria aus dem Leben schied. Der Kaiser möge ver-sichert sein, daß seine Besuche in England stets eine aufrichtige Freudewären sowohl für das englische Königspaar als für das ganze englische Volk. „Ich hege", schloß der König, „nicht nur innige Hoffnungen für dasGedeihen und das Glück des großen Reichs, über das Eure Majestät herr-schen, sondern auch für die Erhaltung des Friedens." Am nächsten Tagewurden in der Guildhall sehr freundschaftliche Trinksprüche zwischen demLordmayor und dem Kaiser gewechselt. Der Kaiser nahm die Würde einesEhrendoktors des Zivilrechts der Universität Oxford aus den Händen vonLord Curzon , einem der hervorragendsten und einflußreichsten englischenStaatsmänner, entgegen. Alle englischen Zeitungen widmeten ihm freund-liche Artikel und betonten, daß die Beziehungen zwischen Deutschland undEngland sich bedeutend verbessert hätten. Es Hege kein Grund zur Span-nung vor. Einige Tage später hielt der Minister des Äußern, Sir EdwardGrey , in Berwick eine öffentliche Rede über die auswärtige Politik, in der