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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
Entstehung
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EULENBURGS ZUSAMMENBRUCH

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geschriebenen zornigen Erguß, und als dies Schriftstück zu einer kleinenKugel geworden war, schleuderte er sie in die Ecke mit den Worten:Na,meinetwegen!" Der arme Herr hat lange die Fähigkeit bewiesen, sich auchnach starken Entgleisungen wieder zu fangen. Schlimmer als diese Vor-gänge intra muros, d. h. im Kreise seiner deutschen Umgebung, waren dieGespräche, die Wilhelm II. in Highcliffe mit zahlreichen dort eingeladenenoder ihn besuchenden Engländern führte, Gespräche, von denen ich nichtswußte und die erst später in dem bekannten Artikel desDaily Telegraph" das Tageslicht erblicken sollten.

Bevor ich mich den großen politischen Vorgängen des Jahres 1908 zu-wende, muß ich die Tragödie des Fürsten Philipp Eulenburg mit ihren DerBegleiterscheinungen zu Ende führen, nicht allein weil sie während EulenburgMonaten den Gesprächsstoff in allen Berliner Kreisen bildete, sondern Skandalauch weil sie Wilhelm II. in hohem Grade erregte und affizierte und dadurchpolitische Folgen nach sich zog. Diese sehr unerquicklichen Vorgängeerinnerten, toute proportion gardee, an die mysteriösen, unheimlichen Aus-schreitungen und Laster, die zweihundert Jahre früher unter Ludwig XIV. zur Errichtung der Chambre ardente führten. Auf den armen FürstenEulenburg stürmte allmählich viel ein. Während eines Aufenthalts, den ermit seiner Familie in Territet am Genfer See genommen hatte, war seinedritte Tochter, die Komteß Augusta, ein liebenswürdiges Mädchen, mit demPrivatsekretär des Vaters, Herrn Jaroljmek durchgegangen. Die Elternhatten zunächst an einen Selbstmord ihrer Tochter geglaubt angesichtsder Weigerung des Vaters, seinen Konsens zu der von der jungen Komteßgewünschten, in der Tat etwas exzentrischen Verbindung zu geben. Dieganze Nacht suchte man in der Nähe von Territet den See mit Stangen ab,aber ohne die Vermißte zu finden. Das war auch ganz begreiflich, denn siehatte sich inzwischen mit dem Geliebten trauen lassen. Eulenburg schicktemir die Abschrift des geradezu verzweifelten Briefes, den er an den Kaisergeschrieben hatte und der mit den Worten begann:Eure Majestät sehenheute einen Menschen vor sich, dem grenzenloses Leid angetan ist, dem erohnmächtig gegenübersteht, das Schwerste, das einem liebenden Vater,einem Familienhaupt angetan werden kann." Nun war dieser Vorfallgewiß schmerzlich und peinlich. Als ich den intimen Freund von Eulenburg,den württembergischen Gesandten Axel Varnbüler, frag, was für eine ArtMensch dieser Jaroljmek wäre, erwiderte er:Jaroljmek war der vertrauteSekretär und besondere Liebling unseres guten Philipp. Er ist ein Südslawe,sehr schön, sehr romantisch. Er hat ganz große Augen, ganz schwarzesHaar und trug, als ich ihn zuletzt sah, einen Strohhut, der mit roten Vogel-beeren umrankt war." Wenn Eulenburg wahrscheinlich recht hatte, an denKaiser zu schreiben, Jaroljmek sei ein junger Fant, der zu nichts zu