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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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KEIN EINGRIFF IN DEN PROZESS

brauchen wäre, so fand ich es doch übertrieben, wenn er hinzufügte, er habeseine Tocbter für immer verstoßen, ihr Name dürfe in seinem Hause nichtmehr genannt werden, sein schönes Familienleben wäre unwiderruflichzerstört, besser, der Tod hätte ibm diese unwürdige Tochter entrissen,niemand werde ihn und die Seinigen mehr achten können, seine Qual seiunsäglich". Sein Brief an den Kaiser schloß:Wenn ich ruhiger bin, kannich Eurer Majestät mündlich gelegentlich Näheres mitteilen, heute muß ichUnglücklicher schließen." Mir schrieb Eulenburg in einem kurzen Begleit-schreiben:Ich leide so furchtbar, daß mir jedes Wort eine Qual ist. MeinLeben hatte viel Sonnenschein, jetzt kommen die tiefen Schatten. Es istZeit, heimzukehren Gott wolle mir in Gnaden bald das Ende geben."

Ich schrieb Eulenburg einen freundschaftlichen, herzlichen Brief, umihn zu beruhigen und wieder aufzurichten. Ich schrieb, es wäre doch nichtdas erstemal, daß ein junges Mädchen über alle Hürden springe, um demMann ihrer Liebe zu folgen. Kein zurechnungsfähiger Mensch würde des-wegen auf ihn und seine Familie einen Stein werfen. Ich glaubte nach wievor an die sittbche Reinheit von Eulenburg, aber die Ängstbchkeit, mit derer den Prozeß Moltke-Harden verfolgte, der zur Freisprechung des Schrift-stellers Maximiban Harden führte, begann auch mich zu beunruhigen,obwohl ich seit langem wußte, wie neurasthenisch Eulenburg war. Er hörtenicht auf, mich brief bch zu bitten, ich möge darauf hinwirken, daß in demin Rede stehenden Prozeß sein, Eulenburgs, Name nicht genannt und er inkeiner Weise in diesen Prozeß hineingezogen werde.Dieser Prozeß",schrieb er mir,ist für mich, wenn ich auch tatsächlich nichts zu fürchtenhabe, doch ein Schrecken, weil ich so krank bin, weil meine Nerven sozerrüttet durch die namenlos schwere Zeit sind, die ich körperlich und see-lisch durchzukämpfen hatte, daß mich der Gedanke, wiederum durch alleGossen geschleift zu werden, geradezu mit Entsetzen erfüllt und ich dasGefühl habe, solchen Qualen nicht gewachsen zu sein. Abgesehen davon,halte ich eine neue Auflage der Hardenschen Skandale für eine Gefahr.Nachdem ,man' durch die Eile, mit der allerhand Entlassungen stattfanden,eine tiefe Verbeugung vor diesem Judenbengel gemacht hat, würde jederneue Skandal, der natürbch europäische Formen annimmt, geradezustaatsgefährhch sein. Wie man aber den Prozeß und weiteren Skandalverhindern könnte, das weiß ich wahrhaftig nicht. Trotz allen Grübelnsfällt mir nichts ein als höchstens die Instruktion an den Vorsitzenden,jedes Wort abzuschneiden, das nicht streng auf die "Beleidigung KunosBezug hat." Ich mußte ihm natürbch antworten, daß ich als höchsterReichsbeamter in den Gang der unabhängigen Justiz nicht eingreifenkönne. Anfang Januar 1907 hatte ich Eulenburg, der, noch ganz erfüllt vonder Flucht seiner Tochter, mich besuchte, geraten, diesen an und für sich ja