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DER FREUND LECOMTE
liehen Gesandten in München niemals eingeladen worden wäre. Er, derKaiser, sei empört, daß Eulenburg Allerhöchst ihn dadurch in eine füreinen Monarchen unerhörte Situation gebracht hätte. Der in Rede stehendefranzösische Diplomat war ein gewisser Lecomte, der allerdings eine üblePersönlichkeit war und von dem mir der bayrische Ministerpräsident Pode-wils gesagt hatte, er hätte als Mitglied der französischen Mission in München allgemein im Rufe perverser Neigungen gestanden und wäre deshalb sogarpolizeilich überwacht worden. Ich hatte wiederholt und ernstlich Eulen-burg vor ihm warnen lassen. Er hatte trotzdem die allerdings grobe Takt-losigkeit begangen, seinen Freund Lecomte gleichzeitig mit Seiner Majestäteinzuladen. Die Order Seiner Majestät an mich schloß: „Ich erwarte hier-nach, daß Eulenburg sofort seine Pensionierung nachsucht. Sofern diegegen ihn erhobenen Anschuldigungen wegen perverser Neigungen un-wahr sind und sein Gewissen Mir gegenüber vollständig frei und klar ist,sehe Ich einer unzweideutigen Erklärung von ihm hierüber entgegen,worauf er gegen Harden vorzugehen hat. Andererseits erwarte ich, daß erunter Rückgabe des Schwarzen Adlerordens und Vermeidung jeden Auf-sehens alsbald das Land verläßt und sich ins Ausland begibt." Den Anstoßzu diesem Vorgehen des Kaisers hatte, wie ich aus der Umgebung SeinerMajestät erfuhr, Fürst Max Fürstenberg gegeben, der an die Stelle vonEulenburg als Favorit Seiner Majestät getreten war und seinen Vorgängerhaßte.
Ich ließ Eulenburg die Allerhöchste Willensäußerung durch seinenFreund Varnbüler in möglichst schonender Weise übermitteln. NachEmpfang der betreffenden Order schrieb mir Eulenburg: „Dieser Abschlußist eine abscheubche Roheit. Äußeren Glanz zu verlieren, gibt mir einschönes Gefühl der Freiheit. Den langjährigen kaiserbchen Freund zu ver-lieren, von dessen Treue ich sprechen konnte, war nicht die grausame Ent-täuschung, die Du vielleicht in mir vermutet hast, denn ich kenne den See-fahrer zu genau, der das Ölzeug stets anzieht, noch lange bevor es nötig ist.Die Enttäuschung lag nur in der häßbehen Form, mich abzuschlachten.Und doch bin ich objektiv genug, zu verstehen, daß ein Monarch bei derwiderbchen Wendung, die meine Sache dank der Kompagnie Holstein-Harden nahm, so schnell als möglich einen unbequemen Freund los-sein will. Für mich liegt darin nur die Gefahr, daß ich für den Kaiser jetztauch so schuldvoll, so schlecht als irgend mögbeh sein muß. In dieserHinsicht flehe ich um Deinen Freundschaftsschutz, an den ich fest glaube.Nicht flehe ich für mich. 0 nein! Meine Frau, meine Kinder, die Du kennstseit frühen Jahren, die Dir beb waren. Nur um ihretwegen stehe treu nebenmir! Bei der Untersuchung habe ich keine Zeugen zu fürchten. Ich fühlemich vollkommen unschuldig und kann abwarten, aber falsche Zeugen