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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE EINKREISUNG DURCH REVAL

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nicht unbegründet. Daß dies Arrangement zustande kam, bewies undich lenkte die Aufmerksamkeit des Kaisers gerade auf diesen Gesichts-punkt, daß wir für England der Hauptgegenstand seiner Eifersucht undseiner Sorge geworden waren und daß es auch zu beträchtlichen Opfernbereit war, um sich gegen uns zu sichern. Alle fortschrittbchen Elementein Rußland drängten ohnehin zu den liberalen Westmächten in der Er-wartung, daß nähere Beziehungen zu ihnen den Sieg liberaler und demo-kratischer Ideen in Rußland erleichtern würden.

Die Begegnung von Reval hatte schon einige Wochen vorher ihreSchatten vorausgeworfen. In Berlin liefen Kriegsgerüchte um. Die Zeitun- Redegen schrieben überEinkreisung", vielfach ohne zu bedenken, daß das Zur- Wilhelms II.schautragen übertriebener Nervosität unseren Feinden als ein Beweis von ln"'* crl '-Schwäche und Ängstlichkeit erschien, dagegen unsere Freunde entmutigteund somit die Kriegsgefahr steigerte. Am 29. Mai 1908 hielt Kaiser Wil-helm II. auf dem Exerzierplatz von Döberitz eine Rede, in der er, auf dieEinkreisung Deutschlands hinweisend, einen kriegerisch-drohenden Ton an-schlug. Bei dieser Rede waren in Hörweite der russische und der japanischeMüitärattache zugegen gewesen, die selbstverständlich für das Bekannt-werden der feurigen Allokution sorgten. Es scheine, hatte der Kaiser ge-sagt, daß die Taktik der Einkreisung Deutschlands fortgesetzt werdensolle. Es werde dadurch eine Lage geschaffen, die sehr ernst sei. Das Bei-spiel Friedrichs des Großen müsse uns vorleuchten, der, von Feinden um-ringt und eingeschlossen, einen nach dem andern geschlagen hätte. Als ichden Kaiser wiedersah, wiederholte ich ihm oft Gesagtes: Gerade weil dieLage eine gespannte und in mancher Hinsicht unsichere wäre, müßten wirnach dem Spruch handeln: Non cantu sed actu. Solche Kritik hörte derKaiser nicht gern.

Als er nun einige Wochen später bei einem Besuch in Hamburg dort mitBegeisterung akklamiert wurde, schrieb er mir, übrigens in freundlichem Der Kaiser Ton, er wäre während seiner ganzen Regierung nie in so großartiger Weise "&erempfangen worden wie jetzt in der größten deutschen Handelsstadt.Enthusiasmus und Wärme hätten jeden Begriff überstiegen. Die Zahl derzu seiner Begrüßung zusammengeströmten Menschen wäre unglaublichgewesen, ihre Haltung und Disziplin musterhaft, die Huldigung auf derAlster geradezu ergreifend. Als er dem Senat und der Seefahrtsgenossen-schaft sein bewegtes Erstaunen über einen derartig überwältigenden, allesübertreffenden Empfang ausgedrückt hätte, habe er die Antwort erhalten:Das ist der Dank für die Döberitzer Rede, sie hat wahrhaft zündend ge-wirkt. Ein wahres Wort zu rechter Zeit." Der Arger über Eduard VII. undsein Entente-Getriebe sei allgemein. Den Hamburgern wäre die Geduldausgegangen. Es folgte eine lange Reihe von Nachrichten aus England, die

Eduard VII.