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der Kaiser von dem eben aus London zurückgekehrten Ballin erhaltenhaben wollte, die aber wohl mehr den Wünschen und der lebhaften Phanta-sie Seiner Majestät entsprangen als dem Kopf des Leiters der Hapag .Die Politik des Königs Eduard werde in England allgemein kritisiert, seineDeutschfeindlichkeit überall scharf verurteilt. Sir Richard Henderson,der größte englische Schiffsreeder, habe in einem vornehmen Londoner Klub unter allgemeinem Beifall und Händeklatschen die Politik desKönigs in Grund und Boden verdammt. Sir Ernest Cassel , der bekannteLondoner Bankier und intime Freund des Königs Eduard VIL, von GeburtKölner, hätte im Auftrag des englischen Königs Ballin gesagt, der DeutscheKaiser möge endlich mit dem Flottenbau aufhören. Der König glaube nicht,daß der Kaiser ihn überfallen wolle, aber wenn er sterbe, dann werde esüber seinen Sohn hergehen, und dem wolle Eduard VII. vorbauen. Ballinhätte geantwortet, wenn ein so unerhörtes Postulat von England odergar von England, Rußland und Frankreich an Deutschland gestellt würde,dann gebe es für den Kaiser nur eine Antwort: die Mobilmachung! DieRevaler Zusammenkunft, hieß es weiter in dem Brief Seiner Majestätan mich, wäre Geldgeschäfte wegen arrangiert worden. Cassel und seinStrohmann Lord Revelstoke sollten eine Anleihe für Rußland machen.Damit sie reüssiere, hätten sie König Eduard veranlaßt, nach Reval zugehen. König Eduard habe bei dem Geschäft „kolossal" verdient. Die Citysäße aber jetzt bis zum Hals mit der Anleihe fest, da Japan vor demBankerott stehe. Cassel habe seine Schilderung mit dem Ausruf beendigt:„Warum ist aber der König auch so furchtbar dumm gewesen, diese ver-dammte Allianz mit den ekelhaften Japs zu machen, er wird uns noch alleruinieren." Der König sei voll Neid und Eifersucht gegen seinen kaiser-lichen Neffen. Jeden Morgen beim Frühstück suche er in den Zeitungen,was der Kaiser getan hätte, und dächte darüber nach, wie er ihn über-trumpfen könne. Sein einziger Wunsch wäre, daß nur von ihm in denZeitungen gesprochen werde. Eduard VII . sei eigentbch nur noch „einMakler in Börsensachen", hauptsächlich für den französischen Markt.Dieses etwas phantastische Schreiben veranlaßte mich, dem Kaiser baldErnster Vor- nachher einen der längsten und ernstesten Vorträge zu halten, deren ichtrag Eiilows m i cn erinnern kann. Ich legte Seiner Majestät eingehend dar, daß das vonallen Seiten ertönende Wort „Einkreisung" mich nicht aus der Fassungbringe. Eingekreist wären wir, wie ich schon wiederholt ausgeführt hätte,seit dem Frieden von Verdun, also seit 1065 Jahren. Koalitionen wären wirinfolge unserer geographischen Lage immer ausgesetzt gewesen. AberSchwierigkeiten wären da, um überwunden zu werden, durch Ruhe, mitMut, aber auch mit Besonnenheit. Ich betonte das letztere Wort. Ich gingnun die Reihe unserer Nachbarn durch. Ich erinnerte den Kaiser an die