OHEIM UND NEFFE IN HOMBURG
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Kraft umsonst verschwendet worden waren, so viel kostbares Blut umsonstfloß. Und Wilhelm II. , der solche „Diener" gewähren ließ, trägt vor Landund Geschichte leider gleiche Verantwortung.
1908 trat bei Seiner Majestät alles gegen den Wunsch zurück, in mög-lichst raschem Tempo weiter und immer weiter Kriegsschiffe zu bauen.Als ich ein Jahr vorher zu der Begegnung mit dem Zaren nach Swinemünde gefahren war, kam mir der den Kaiser begleitende Gesandte von Treutierentgegen, um mich zu beschwören, Seine Majestät nicht wieder vor einemüberhitzten Tempo beim Bau der Großkampfschiffe zu warnen, da diesden Kaiser „tief unglücklich" machen und „ganz aus dem Häuschen"bringen würde.
Diese Wölke stand seit einem Jahr zwischen Seiner Majestät und mir,als der Kaiser und sein Oheim, der König, sich in Homburg trafen. Bei Gesprächdieser kurzen Begegnung, die am 11. August 1908 stattfand und der ich Wilhelms II.wegen anderweitiger dringender Amtsgeschäfte nicht beiwohnen konnte, mtt Har(iin S ekam es zwischen dem Kaiser und dem den König begleitenden Unterstaats-sekretär im englischen Auswärtigen Amt, Sir Charles Hardinge , zu einemGespräch, in dessen Verlauf Sir Charles unter lebhafter Betonung der fried-lichen Gesinnung der englischen Regierung andeutete, daß das rasche Tempoder deutschen Flottenrüstungen in England Besorgnisse hervorrufe. Überdieses Thema hatte mir unser Botschafter in London , Graf Metternich, nichtlange vorher geschrieben: „Niemand wird imstande sein, den Engländernbeizubringen, daß eine deutsche Flotte von 38 Linienschiffen, 20 Panzer-kreuzern und 38 kleinen geschützten Kreuzern mit den entsprechendenTorpedobooten und Unterseebooten — der Sollbestand unserer schwim-menden Streitkräfte nach Durchführung des Flottengesetzes im Jahre 1920— für sie eine belanglose Sache ist. Was wir zur Rechtfertigung diesesTempos an technischen Argumenten vorbringen, macht die Engländer nurnoch mißtrauischer." War schon dieser Brief des Deutschen Botschaftersin London , den ich beim Kaiser zum Vortrag gebracht hatte, von SeinerMajestät ungnädig aufgenommen worden, so mißfielen ihm die Äußerungenvon Hardinge in noch höherem Grade. Ex post erschien ihm die ganze Unter-haltung, die er mit dem genannten englischen Diplomaten gehabt hatte,und insbesondere seine eigenen Ausführungen und sein eigenes Auftretenin phantastisch übertriebenem und vergrößertem Licht.
Am folgenden Tage, dem 12. August 1908, erhielt ich von Seiner Majestätein langes, sehr langes Telegramm, in dem er mir das in Rede stehende Ge-spräch in dramatischem Stil schilderte. Hardinge habe ihm von „graveapprehension" gesprochen, die alle Kreise Englands über unsern Flottenbauerfüllten. Das englische Volk sei darüber voll Aufregung und schwerer Be-sorgnis. Er, der Kaiser, habe erwidert: „Das ist j a absoluter Blödsinn! Wer hat
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