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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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HARDINGEDIE ZÄHNE GEZEIGT"

Ihnen denn den Unsinn aufgebunden?" Als Sir Charles sich auf das authen-tische Material der englischen Admiralität berufen habe, hätte er demUnterstaatssekretär entgegnet:Ihr Material ist falsch, ich bin Admiralauch der englischen Flotte, die ich genau kenne, und verstehe das besserals Sie, der Sie ein Zivilist sind und gar nichts davon verstehen." Als erdaraufhin denJNauticus" habe herunterholen lassen, ein von dem deut-schen Reichsmarineamt herausgegebenes marinetechnisches Handbuch,und Sir Charles die vomIMauticus" veröffentlichten Tabellen mit denSchiffsbaukurven vorgehalten hätte, da habe sichsprachloses Erstaunen"auf den Gesichtszügen des englischen Diplomaten ausgeprägt. Währenddieber Szene hätte der englische Botschafter in Berlin, Sir Frank Lascelles ,sich vor Lachen gar nicht zu halten gewußt. Sir Frank sei vomJNauticus"begeistert und akzeptiere rite dessen Anschauungen. Dann sei das Ge-spräch mit Hardinge fortgesetzt worden. Dieser habe gefragt:Can't youput a stop to your building? Or build less ships?" Es möchte doch einArrangement getroffen werden, um den Bau einzuschränken. Da habe er,der Kaiser, erwidert:Then we shail fight, for it is a question of nationalhonour and dignity." Dabei hätte der Kaiser dem englischen Diplomatenfest und scharf" in die Augen gesehen, der habe einenfeuerroten" Kopfbekommen, einen Diener gemacht und um Entschuldigung gebeten fürseineversehentlichen Bemerkungen", die Seine Majestät ihm vergebenund vergessen möge. Am Abend sei Sir Charles ein ganz anderer gewesen,liebenswürdig und vergnügt, er habe sogar würzige Anekdoten erzählt.Als er ihm schließlich den Roten Adlerorden I. Klasse verheben habe,wäre Hardingewindelweich" geworden.Die offene Aussprache mit mir,in der ich ihm scharf die Zähne gezeigt habe, hat ihre Wirkung nicht ver-fehlt. Mit Engländern muß man immer so verkehren." Beim Scheiden habeder Kaiser den Unterstaatssekretär an seine, des Kaisers, letzte Guildhall-Rede erinnert, an welche die englische Regierung sich zu halten habe,und hinzugefügt:Wenn der Kaiser spricht, macht er keine Phrasen. Hespeaks what he means."

Ich merkte diesem telegraphischen Erguß sogleich an, daß die Phan-tasie Wilhelms II. in maiorem gloriam suam einen Vorgang von derArt der welthistorischen Szene zu konstruieren wünschte, die sich imJuü 1870 in Ems zwischen Wilhelm I. und Benedetti abgespielt hatte.Den Unterstaatssekretär Stemrich, der in diesen Tagen Vortrag hatte,empfing der Kaiser mit den Worten:Haben Sie mein Telegramm anden Reichskanzler gelesen? Habe ich es Sir Charles nicht ordentlichgegeben?" In Wirklichkeit war das Zwiegespräch von Homburg , wie ichspäter von deutschen Zuhörern erfuhr, gemütlicher verlaufen. Der Kaiserund Hardinge hatten nebeneinander auf einem Billard gesessen. Hardinge