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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DER KAISER VON BÜLOW BITTER ENTTÄUSCHT

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Lord Tweed-mouth

hatte mit englischer Unbefangenheit, aber durchaus respektvoll und ruhiggesprochen, der Kaiser mit guter Laune und sehr höf lieh. Sir Charles Har-dinge. der spätere Vizekönig von Indien, wurde von König Eduard sehrgeschätzt. Er hatte den König im August 1907 zu der Begegnung von Wil-helmshöhe begleitet, wo ich mich mit ihm über die politische Lage und ins-besondere über die deutsch -englischen Beziehungen in ruhiger und be-friedigender Weise aussprechen konnte. Sir Charles hatte eine große Stel-lung in der Londoner Gesellschaft, wozu auch seine schöne, elegante undhebenswürdige Frau beitrug. Er und ich waren gute Freunde geblieben,seitdem wir uns in Bukarest , zwanzig Jahre vor der Homburger Entrevue,kennengelernt hatten, wo Hardinge damals Sekretär der englischen Ge-sandtschaft war, wählend ich als Gesandter das Deutsche Reich bei KönigCarol vertrat.

Der ganze Vorgang an und auf dem Homburger Billard, namentlich wieihn sich Wilhelm II. hinterher konstruierte, trug aber leider dazu bei, Brief desden Kaiser gegenüber allen Versuchen, mit England zu einer Verständigung Kaisers anüber die Flottenfrage zu kommen, noch eigensinniger zu machen, als diesschon früher der Fall gewesen war. Als ich nach wie vor der Begegnung vonHomburg den Kaiser brieflich auf die große Vorsicht erheischende euro-päische Lage aufmerksam machte und insbesondere darauf hinwies, daßdie deutsch -englischen Beziehungen, vor allem die Flottenfrage, behutsambehandelt werden müßten, Heß er mir durch den ihn begleitenden Vertreterdes Auswärtigen Amts, den Freiherrn von Jenisch, antworten: er teile inkeiner Weise meine Sorgen. Jedenfalls habe er inzwischen in seinen wennauch kurzen Gesprächen mit Hardinge, Lascelles und König Eduard alleswieder eingerenkt. Zu meiner Orientierung begleitete Jenisch diesen kaiser-lichen Auftrag mit einem streng vertraulichen Kommentar, in dem er mirnicht verhehlte, daß der Kaiser sehr verstimmt gegen mich wäre. Meinekühle Haltung" nach dem Empfange seiner Mitteilung über seinenEr-folg" in Homburg habe ihn bitter enttäuscht. Er hätteDank und Lob"erwartet. Er habe gehofft, daß ich ihn für seine Sprache gegenüber Har-dingebeloben", daß ich den guten Dienst begreifen und würdigenwerde, den er mir und dem Vaterlande in Homburg erwiesen habe. Erverstehe es nun einmal besser als die anderen Deutschen, die Engländer zunehmen und ihnen in aller Freundlichkeit Wahrheiten zu sagen, die ihnenzu denken gäben und sie überzeugten. Er habe die volle Zuversicht, daß erjetzt in Homburg im Handumdrehen nicht nur Hardinge, sondern auchseinen Oheim, den König, für sich und seinen Standpunkt gewonnen hätte.Der Moment sei auch besonders günstig gewesen. Der begeisterte Emp-fang, der ihm, dem Kaiser, kürzlich in Hamburg bereitet worden sei,dieser Empfang, bei dem er den Pulsschlag des deutschen Volks gefühlt

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