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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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PRESSESTURM IN ENGLAND

habe, die wachsende Begeisterung für Zeppelin, alles das gebe John Bull zu denken und stimme ihn vorsichtig. Überdies versichere ihm der General-stabschef Moltke , daß wir gut gerüstet wären. Da hätten wir keinen Anlaß,leisezutreten, und namentlich gar keine Veranlassung, das Tempo desFlottenbaues zu verlangsamen oder zu irgendwelchen Flottenarrangementsmit Albion die Hand zu bieten. Ich möge ihn, den Kaiser, nur ruhig ge-währen und die Dingenach seiner Fasson" machen lassen. Mit den Eng-ländern sei rücksichtslose, selbst brutale Offenheit das einzig Richtige.Da wäre mit Diplomatisieren und Finassieren nichts zu machen. Auf dieEngländer verstehe er sich, er sei ja selbstein halber Engländer". Ähnlichwie früher in Björkö trat mir auch in Homburg wieder die Tendenz SeinerMajestät entgegen, die auswärtigen Geschäfte möglichst selbständig zuführen, frohdas innerliche Licht" verfolgend, wie im zweiten Teil desFaust der Bakkalaureus. Das war aber gegenüber England noch gefährlicherals mit Frankreich, schon weil Wilhelm II. sich einbildete, gerade in derBehandlung der Engländer Meister zu sein. Aus dieser leider unbegründetenÜberzeugung gingen die verhängnisvollen Gespräche hervor, die Wilhelm II. in Highcliffe Castle mit englischenFreunden" führte. Dieser Mentalitätwar auch der bedauerliche Brief entsprungen, den der Kaiser im März 1908hinter meinem Rücken an den Ersten Lord der Britischen Admiralität,Lord Tweedmouth, gerichtet hatte, um ihn von der Harmlosigkeit derdeutschen Flottenbauten zu überzeugen. Nicht lange vorher hatte ichSeiner Majestät einen Brief des Botschafters Metternich an mich unter-breitet, in dem dieser, oft Gesagtes wiederholend, ausführte, daß jede Ver-sicherung, unser Flottenbau sei harmlos,das sofortige, allgemeine undenergische Dementi" der englischen öffentlichen Meinung erzeugen würde.

Das Bekanntwerden der neuen kaiserlichen Ingerenz in eine der hei-kelsten Fragen der englischen Verwaltung und Politik rief in England einenPressesturm hervor, der den Kaiser erschreckte. Überdies hatte sein Oheim,der König, ihn höhnisch in einem Brief gefragt, ob sein direktes Schreibenan Lord Tweedmouth etwaa new departure", eine neue Aera in deninternationalen Gebräuchen und Beziehungen bedeuten solle. Der Kaiserwollte sich bei mir damit entschuldigen, daß ich in den Tagen, wo er anseinem Brief gedrechselt hätte, einen Schnupfen gehabt habe und er sichwegen seines alten Ohrenleidens Katarrhen nicht aussetzen dürfe. Aber erwar sichtlich verärgert, daß sein Versuch, sich zur Verbesserung der deutsch-englischen Beziehungen einmal wieder selbst zubetätigen", ein völligerMißerfolg, a failure, gewesen war. Über den kaiserlichen Brief an AdmiralTweedmouth war niemand entsetzter als Admiral Tirpitz , der insbesonderebeklagte, daß der Kaiser, um Lord Tweedmoutheinzuseifen", in fastkindlicher Weise eine Reihe falscher Angaben gemacht hatte, die von den