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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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ISWOLSKI DURCH EDUARD VII. GEWONNEN

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Engländern natürlich sofort als solche erkannt worden waren. Die englischenMinister, insbesondere Asquith und Grey, hatten bei einer Interpellation imUnterhaus die ganze peinliche Angelegenheit mit Takt und dem sichtlichenBestreben behandelt, die Gemüter zu beruhigen. Der Botschafter in Lon-don , Graf Metternich, meldete gleichzeitig:Der englischen konstitu-tionellen Auffassung läuft es zuwider, daß ein fremder Souverän sich indirekten amtlichen Verkehr mit einem englischen Minister setzt. Ich wurdenicht amtlich, aber von ministerieller Seite auf den sehr unangenehmenEindruck hingewiesen, den der Brief unseres allergnädigsten Herrn anLord Tweedmouth hier hervorgerufen hat. Ich wurde gefragt, wie es wohlSeine Majestät der Kaiser und die kaiserliche Begierung aufnehmen würden,wenn König Eduard sich mit Umgehung seiner verantwortlichenOrgane in Flottenfragen direkt an den Staatssekretär des Beichsmarine-amts in Berlin wendete. Ich bin mir wohl bewußt, daß es eine höchst un-dankbare Aufgabe ist, Dinge zu schreiben, die sich nicht angenehm lesen.Wenn man aber in einer verantwortlichen Stellung ist, so muß man auchdazu den Mut finden." Es ist verständlich, daß mich eine derartige, dieGrenze des Zulässigen bedenklich überschreitende Eigenmächtigkeit desKaisers nicht nur verstimmen, sondern auch mit tiefer Sorge erfüllen undmich in dem Entschluß bestärken mußte, im Interesse des Landes dienächste sich bietende Gelegenheit zu einer energischen Korrektur der dasWohl des Beichs gefährdenden und schädigenden kaiserlichen Übergriffepflichtgemäß wahrzunehmen.

Die Begegnung in Beval, die am 9. und 10. Juni vor sich gegangen war,hatte König Eduard die Möglichkeit geboten, mit seiner großen Kunst derMenschenbehandlung und unterstützt von seiner Nichte, der KaiserinAlexandra Feodorowna von Bußland, die sehr englisch und, obwohl dieTochter eines uralten deutschen Fürstenhauses, antideutsch fühlte, denrussischen Kaiser für sich einzunehmen.

K Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß der König den eitlen und schondeshalb beeinflußbaren Iswolski für ein Programm gewonnen hatte, das Zirkular-auf eine Lösung der mazedonischen Frage im Sinne einer weitgehenden Erlaß BÜlowsBeschneidung der Macht des Sultans herauskam. Die Unruhe, um nicht zusagen die Furcht, die dieser russisch -englische Aktionsplan in einer großenBalkanfrage in Österreich hervorrief, Heß es in erster Linie geboten er-scheinen, den Österreichern Mut zu machen. Es lag die Gefahr vor, daß dieDoppelmonarchie, wenn zu sehr eingeschüchtert, die Nerven verlor undBußland ins Maul flog wie der eingeschüchterte Kolibri der drohendenKlapperschlange. Die Kunst unserer Politik mußte darin bestehen, daßwir Österreich an unserer Seite hielten und für den bei geschickter Politikdurchaus nicht unvermeidlichen, aber natürlich immer in Bechnung zu