DER DRAHT MIT PETERSBURG
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die bis dahin noch losen und vagen Ententen und Verständi-gungen sich zu konkreten Bündnissen verdichten würden,so daß wir, zusammen mit Österreich-Ungarn , uns einerstarken Koalition gegenübersehen könnten. Die Grundursachender uns umgebenden politischen Gefahren können wir nicht beseitigen,ohne uns selbst aufzugeben. Sie liegen, was Deutschland angeht, in der fort-gesetzten Erstarkung seiner wirtschaftlichen Kraft seit Gründung desReichs. Es ist die — natürlich nicht berechtigte — Furcht vor einemetwaigen Mißbrauch der wirtschaftlichen und damit auch politischen MachtDeutschlands und seines nächsten Bundesgenossen, die andere Staatenzu Ententen gegen uns treibt. Diese Ententen und Allianzen sind ihremUrsprung nach eher defensiven Charakters. Man würde aber vielleicht nichtzögern, auch aggressiv gegen uns vorzugehen und uns womöglich niederzu-zwingen, wenn man sich dazu die Macht zutraute. In gleicher Weise wiewir wird durch die neue Konstellation auch unser österreichisch-ungarischerBundesgenosse bedroht, zumal bei ihm in den gegen den Bestand und dieZukunft der habsburgischen Monarchie gerichteten Leidenschaften undUmtrieben dritte Nationen gewisse Chancen für das Einsetzen einer vonaußen kommenden Zerstörungsarbeit zu erblicken scheinen. Ist ja doch derangeblich nahe bevorstehende Zerfall der Doppelmonarchie ein ständigesund beliebtes Thema in der französischen und sonstigen auswärtigen Presse.Auch ist Österreich-Ungarn infolge seiner großen Interessen auf der Balkan-halbinsel dort mehr als wir der Gefahr von Konflikten mit den Entente-mächten ausgesetzt. Das Vorstehende ergänzend, möchte ich zur Charakte-ristik unserer allgemeinen Beziehungen zu den Nachbarstaaten, einerseitszu Rußland, England und Frankreich , andererseits zu den Dreibund-mächten, folgendes bemerken: Rußland ist infolge des Japanischen Kriegesnoch für längere Zeit wenig aktionsfähig. Seine Regierung sucht im Hin-blick auf ihre besonders in Asien geschwächte und gefährdete Position mitdem bisherigen Gegner, England , zu paktieren, zugleich aber an der tradi-tionellen Freundschaft mit uns festzuhalten. Wir unsererseits habenauch ferner Interesse daran, den alten Draht mit St. Peters-burg nicht zu durchschneiden. England , bedrückt von — unbegrün-deter — Furcht vor dem vermeintlich drohenden deutschen Übergewichtin wirtschaftlicher wie in militärischer Beziehung, sucht dagegen wennauch noch nicht Allianzen so doch Freundschaften, immer von seiner her-gebrachten Politik geleitet, andere für sich ins Feuer zu schicken. Uns bleibtdemgegenüber nur übrig, unsere bisherige Politik der Geduld und Vor-sicht fortzusetzen und uns zu bemühen, unbegründete Befürchtungennach Möglichkeit zu zerstreuen. Frankreich geht militärisch wie an Volks-kraft eher zurück, es schwebt in ständiger Besorgnis vor einem Konflikt