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FÜR UNS LÄUFT DIE ZEIT
mit uns und ßucht, ohne eigentlich kriegerische Absichten gegen uns zuhegen, nach deckenden Freundschaften. Frankreich will korrekte Bezie-hungen und selbst einen Modus vivendi mit uns. Doch sind die Revanche-träume, das Verlangen nach Wiedergewinnung der Hegemonie, die es zweiJahrhunderte hindurch in Europa ausgeübt hat, und selbst der Wunschnach der Rheingrenze in Frankreich noch keineswegs erloschen. Für unsläuft — schon aus dem biologischen Grunde der in Frankreich bekanntlichnahezu stationären, bei uns aber im ganzen noch immer zunehmenden Be-völkerungsvermehrung — die Zeit. Je weiter wir den Zeitpunkt eines be-waffneten Konflikts mit unserem westlichen Nachbarn hinausschieben,um so weniger wird dieser imstande sein, den schon numerisch immer un-gleicher werdenden Kampf mit uns, selbst bei Unterstützung von andererSeite, aufzunehmen. Unsere Politik gegenüber Frankreich ist uns damitgegeben: sie muß dilatorisch sein und irritierende Reibungen vermeiden.Dagegen würde jedes direkte oder indirekte Anerbieten eines intimen Ver-hältnisses zu Frankreich heute dort nur falsch verstanden werden und dasGegenteil von einer Verbesserung der beiderseitigen Beziehungen zur Folgehaben. Für unsere Haltung im Orient und speziell auf der Balkanhalbinsel ,wo wir nur wirtschaftlichen Interessen nachgehen, sind und bleiben inerster Linie maßgebend die Wünsche, Bedürfnisse und Interessen des unseng befreundeten und verbündeten Österreich-Ungarn. Aus der vorstehendskizzierten Konstellation, die ich nicht anstehe als eine für die beiden mittel-europäischen Monarchien in gleichem Maße ernste zu bezeichnen, ent-springen nach Ansicht der kaiserlichen Regierung die nachstehenden Folge-rungen für unsere politische Haltung. Unsere auswärtige Politik wird wiebisher, bei aller Entschlossenheit in der Wahrung unserer Rechte und be-rechtigten Interessen, Gelegenheiten sorgsam vermeiden, die andere Mächtezu dem Versuche der Bildung von übermächtigen Koalitionen gegen unsanreizen könnten. Deshalb wird die Reichsleitung sich z. B. ein Nachgebengegenüber chauvinistischen Bestrebungen, mögen sie von alldeutscher odersonstiger Seite kommen, entschieden zu versagen und ihre Aufgabe vor-nehmlich in der Verteidigung unserer Rechte und berechtigten Interessenzu erblicken haben, indem sie den weiteren Ausbau unserer wirtschaftlichenStellung, wenigstens eine Zeitlang, mehr der deutschen Privatinitiativeüberläßt und die fördernde staatliche Hand dabei nach außen hin tunlichstim Hintergründe hält. Ich darf dabei darauf hinweisen, daß ich in der erstenRede, die ich als Staatssekretär des Auswärtigen Amts vor dem Reichstag ,am 6. Dezember 1897, über auswärtige Politik gehalten habe, sagte: Wirempfänden nicht das Bedürfnis, unsere Finger in jeden Topf zu stecken,seien aber der Ansicht, daß es sich nicht empfehle, Deutschland in zukunfts-reichen Ländern von vornherein auszuschließen vom Mitbewerb mit anderen