DIE BÜCHSE DER PANDORA
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Warum der Dreißigjährige Krieg ? Er war eine Folge der Reformation. Undwarum die Reformation ? Sie war eine Phase in der Geschichte des Christen-tums. Und warum mußte Christus kommen? Um die seit dem Sündenfallverlorene Menschheit zu erlösen. „Also", schloß der Aufsatz, „wäre nachdeutscher wissenschaftlicher Methode der Weltkrieg darauf zurückzu-führen, daß unsere graziöse Altermutter Eva in den Apfel biß. Sans Eve etsans la pomme, point d'ultimatum, point de guerre." Unsere während desWeltkriegs überhaupt wenig wirkungsvolle Propaganda gefiel sich zu sehrin langatmigen Betrachtungen über längstvergangene Ereignisse, die nichtnur im feindlichen, sondern auch im neutralen Ausland wenig interessierten,während es doch darauf ankam, unser Vorgehen und unsere Haltung imSommer 1914 zu erklären und, so gut es ging, zu rechtfertigen. Dies warinsbesondere nach dem unglücklichen Ausgang des Krieges, als es sichdarum handelte, der Schuldlüge der Feinde entgegenzutreten, nur möglich,wenn wir das Ungeschick derjenigen einräumten, ja unterstrichen, in derenHänden 1914 die deutsche auswärtige Politik lag. Das soll später ausgeführtwerden, wenn mir die schmerzliche Aufgabe obliegen wird, die Gründe zubeleuchten, aus denen unser friedliches, tüchtiges, gutes und besonnenesVolk, unser friedliebender, ja kriegsscheuer Kaiser in den entsetzlichsten unddabei dümmsten aller Kriege stolperten. An dieser Stelle will ich nur meineParenthese über die Bedenken allzu genereller retrospektiver Betrachtungmit der Einschränkung schließen, daß es selbstverständlich Ereignisse gibt,die das Schlußglied einer langen Kette sind.
Dahin gehört die bosnischeFrage, die im Herbst 1908 zu einer ernstenSpannung zwischen Rußland und Österreich führte und damit Deutsch-land vor eine nicht ungefährliche, jedenfalls schwierige Lage stellte. Diebosnische Frage, cette boite de Pandore pleine de surprises, de perils et degraves possibilites, wie ein rumänischer Diplomat sie mir schon frühercharakterisiert hatte, läßt sich mit gutem Recht und ohne weiteres auf denRussisch-Türkischen Krieg von 1877 zurückführen. Als Alexander II. 1876,sehr ä contre cceur, unter dem Druck der starken slawophilen Strömung inRußland , natürlich auch beeinflußt von alten zaristischen Traditionen undGefühlen, sich entschloß, das russische Schwert für die glaubens- undstammverwandten Balkanslawen zu ziehen, erinnerte sich sein KanzlerGortschakow daran, daß Rußland im Krimkrieg im letzten Ende an derfeindlichen Haltung von Österreich gescheitert war. Als damals KaiserNikolaus I. beim Beginn des Krimkriegs, 1854, nach Besetzung der Moldauund Walachei seine Heere in Bulgarien hatte einrücken lassen, sah er sichbald nachher zur Räumung der ganzen Balkanhalbinsel genötigt, sobaldÖsterreich in Galizien ein Heer zusammenzog. Um Rußland nicht wiederder Gefahr auszusetzen, von einer österreichischen Armee im Rücken