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gefaßt zu werden, entschloß sich Gortschakow 1876, die österreichischeZustimmung zu dem russischen Vorgehen gegen die Türken durch Über-lassung von Bosnien und der Herzegowina an die habsburgische Monarchiezu erkaufen. Ich werde bei der Darstellung der dem Berliner Kongreß vor-ausgehenden Vorgänge diese Zusammenhänge eingehend erörtern. „II fautfaire la part du feu", so hatte der alte Kanzler seinem Souverän gegenüberdiesen Schachzug motiviert. Als junger Botschaftssekretär in Wien erlebteich die in der Ofener Königsburg abgeschlossene Konvention, durch dieGortschakow die Zeit und die Mittel der militärischen Okkupation Bosniensund der Herzegowina in die Wahl des Wiener Kabinetts stellte. Als Sekre-tär des Berliner Kongresses wurde ich Zeuge der Konsekration der OfenerAbmachung unter freudiger Zustimmung Rußlands durch den Berliner Vertrag (Artikel XXV des Berliner Vertrags): „Les provinces de Bosnie etd'Herzegovine seront occupees et administrees par l'Autriche-Hongrie."Seitdem waren wiederholt, schon während des Berliner Kongresses undsechs Jahre später in Skierniewice , mündlich und in der Form des Aide-Memoire zwischen Österreich-Ungarn und Rußland Erklärungen ausge-tauscht worden, wonach Rußland keine Einwendungen erheben würde,wenn Österreich im Interesse der Ruhe auf der Balkanhalbinsel wie zumBesten des europäischen Friedens die Okkupation in eine Annexion ver-wandeln sollte. Es war also an und für sich nicht auffällig, daß Iswolski ,unmittelbar nach der Zusammenkunft von Reval, schriftlich dem öster-reichisch-ungarischen Minister des Äußern den Vorschlag machte, einer-seits über die Umwandlung der Okkupation in eine Annexion, andererseitsüber die Öffnung der Meerengen Unterhandlungen einzuleiten. Ver-wunderlich war freilich, daß Iswolski seinem Wiener Kollegen eine solcheOfferte machte, obwohl ihn dieser kurz vorher mit dem österreichisch-tür-kischen Vertrag über den Bau der Sandschak-Bahn, d. h. des Mittelstückszwischen der bosnischen und der mazedonischen Linie, überrascht hatte,eine Überrumplung, die nicht nur die russische öffentliche Meinung starkerregte, sondern auch zu gereizten Auseinandersetzungen zwischen denKabinetten von St. Petersburg und Wien führte.
Der Vorschlag Iswolskis ist wohl dadurch zu erklären, daß der ehrgeizigeIswolski und aber gleichzeitig unbesonnene russische Außenminister alles über demAehrenthal brennenden Wunsch vergaß, durch die Realisierung der jahrhundert-alten russischen Wünsche und Aspirationen hinsichtlich der Dardanellensich einen dauernden Platz in den Herzen aller guten Moskowiter wie in derrussischen Geschichte zu erobern und gleichzeitig vielleicht auch denGrafentitel mit dem Andreasorden. Es kam noch hinzu, daß Aehrenthal ,der fast seine ganze diplomatische Karriere in St. Petersburg gemacht hatte,als Attache, als Sekretär, dann als Botschaftsrat, schließhch als Botschafter,
in Buchlau