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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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AEHRENTHAL

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die Russen genau zu kennen glaubte und jedenfalls in der St. PetersburgerGesellschaft sehr populär war, wozu eine Liaison mit einer schönen Dameder Petersburger Gesellschaft beigetragen hatte. Seine Stellung in denPetersburger Salons war in der Tat stärker als die von Iswolski , auf den ergesellschaftlieh etwas herabsah. Er glaubte sich der Russen ganz sicher.Daraus schöpfte er die Zuversicht, daß er mit Iswolski unter allen Um-ständen fertig werden würde.Je tiens les Russes dans ma poche", sollte ergeäußert haben. Aehrenthal übersah, daß in der russischen Hauptstadtallmählich neben wohlbeleibten, ruheliebenden Generaladjutanten undMinistern, geistreichen Frauen und charmanten Großfürstinnen eine rauhenationalistisch gefärbte Opposition emporgekommen war, die, Österreich grundsätzlich feindlich, mit Eifersucht und Mißtrauen über die slawischenund orthodoxenBrüderchen" auf der Balkanhalbinsel wachte. Zunächsterreichte Aehrenthal, daß sein russischer Kollege Iswolski mit Freude dieEinladung annahm, mit ihm auf dem mährischen Schloß Buchlau des öster-reichischen Botschafters in St. Petersburg , des Grafen Leopold Berch-told, des späteren so unglücklichen Ministers des Äußern, zusammen-zutreffen. Graf, vor seinem Erfolg in der bosnischen Sache Freiherr vonAehrenthal war der Enkel des israeütischen Getreidehändlers Lexa in Prag ,der im Anfang des 19. Jahrhunderts im Hinblick auf seinen lukrativenBeruf unter dem prägnanten Namen Aehrenthal nobilitiert worden war.Die Großmutter des Ministers, eine Gräfin Wilczek, seine Mutter, eineGräfin Thun, waren dem österreichischen Hochadel entsprossen. SeineSchwester war mit einem Grafen Bylandt vermählt, er selbst mit einerGräfin Szechenyi aus großem ungarischem Hause. Er vereinigte den scharfenVerstand, die Betriebsamkeit und die überlegte Klugheit seiner väterlichenVorfahren mit dem innerlichen Hochmut, demFumo", um sich wiene-risch auszudrücken, der österreichischen Aristokratie. Groß, breitschul-terig, etwas gebückt, sehr kurzsichtig, allmähbch fast blind, mit meisthalbgeschlossenen Augenlidern und müdem Gesichtsausdruck, aber mitregelmäßigen Zügen und vornehmen Allüren, zurückhaltend, eher indolent,fast apathisch, stand Aehrenthal auch äußerlich im Gegensatz zu demkleineren, unruhigen, aufgeregten, bisweilen vordringlichen KalmückenIswolski. Wie mit Iswolski war ich auch mit Aehrenthal seit langem befreun-det, habe aber nie das Vertrauen in ihn gesetzt, das ich für seinen Vorgän-ger Goluchowski empfand. Als dieser im Oktober 1906 zurücktrat, hatte ermir in Erwiderung meines Abschiedsgrußes telegraphiert:Tief gerührtdurch die so warmen und freundschaftlichen Worte, welche Eure Durch-laucht anläßlich meines Scheidens aus dem Amt an mich zu richten dieGüte hatten, enpfinde ich es als ein wahres Herzensbedürfnis, Ihnen, ver-ehrter Fürst, für das Vertrauen und Entgegenkommen, welches Sie mir in