DIE SERBEN TOBEN
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hatte, nicht sofort frug, wann der k. und k. Minister den von ihm ange-kündigten Schritt zu unternehmen gedenke. Er mußte auch sogleich daraufhinweisen, daß er Zeit brauche, das von den früheren russisch -österreichi-schen Abmachungen nichts ahnende russische Publikum und den davonauch nicht viel wissenden Zaren auf den österreichischen Schritt vorzu-bereiten. Aber Iswolski hat, als Aehrenthal am Abend des 16. Septembervon Buchlau nach Wien zurückkehrte, während sein russischer Kollege erstam nächsten Morgen das mährische Schloß verließ, sicherlich nicht ange-nommen, daß der k. und k. Minister schon nach kaum drei Wochen dieWelt mit der Annexion von Bosnien und der Herzegowina überraschenwürde.
Die vom 5. Oktober 1908 datierte Proklamation des Kaisers Franz
Josef erschreckte Europa wie ein plötzlicher Donnerschlag. Die Serben Die
tobten, der serbische Kronprinz stellte sich an die Spitze der Demon- Okkupation
stranten und erklärte, daß er bereit sei, mit allen Serben für die groß- Bosniens
von Kaiser
serbische Idee zu sterben. Der Belgrader Pöbel brachte den Vertretern von p ranz j ose fRußland, Frankreich, England und Italien Huldigungen dar und wollte proklamiertauf der österreichischen Gesandtschaft die Fenster einwerfen. In Konstan-tinopel wurden unter Ausschreitungen gegen österreichische Staatsange-hörige alle österreichischen Waren boykottiert. Die russische Presse nahmmit Leidenschaft für die Serben Partei, die mindestens große Kompen-sationen von Österreich verlangen müßten. Um die Verwirrung zu steigern,erklärte an demselben Tage, wo Kaiser Franz Josef durch ein Hand-schreiben an Aehrenthal seine Souveränität auf Bosnien und die Herzego-wina erstreckte, Fürst Ferdinand von Bulgarien sein Land als unabhän-giges Königreich. Europa war seit vielen Jahren nicht in solcher Erregung,in solcher Bewegung gewesen.
Während ich an meinem Schreibtisch in Norderney angesichts desMeeres, das ich, ein Sohn der Niederelbe, von Kindesbeinen an so sehrliebte, mit gespannter und begreiflicher Aufmerksamkeit an der Hand dersich überstürzenden Telegramme und Berichte die Entwicklung der bos-nischen Krisis verfolgte, hatte ich gleichzeitig die Gesetzentwürfe über dieBrau-, Wein-, Branntwein-, Tabak-, Elektrizitäts-, Gas- und Anzeigen-steuer zu prüfen, die mit der Nachlaßsteuer, der Wehrsteuer, dem Erbrechtdes Staats und der Erbschaftssteuer der Finanznot des Reichs abhelfensollten. In der allgemeinen Begründung der vorgeschlagenen Reichs-finanzreform hieß es: „Durch das dauernde Mißverhältnis zwischen Bedarfund Deckung ist dem Deutschen Reich eine schwere Schuldenlast auf-gebürdet worden. Die immer erneute Ausgabe von Schuldverschreibungenund Schatzanweisungen ohne die Aussicht einer Tilgung hat den Kurs-stand der Anleihe in einer Weise herabgedrückt, daß der Kredit des Reichs
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