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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DAS MANUSKRIPT AUS ROMINTEN

bereits in Friedenszeiten Einbuße zu erleiden drobt. . . Die Beseitigungdieses Mangels ist eine unbedingte Notwendigkeit für die Macbt und dasAnsehen des Reichs und zugleich eine unerläßliche Voraussetzung für diegedeihbche Weiterentwicklung der deutschen Volkswirtschaft. Nur durchdas einmütige und opferwillige Zusammenwirken aller Kreise des Volkskönnen die Finanzen des Reichs wieder auf eine dauernd gesicherte Grund-lage gestellt werden." Mit welchen Empfindungen erinnere ich mich heutemeiner Begründung der von mir vorgeschlagenen Reichsfinanzreform,heute, wo die damals von mir beklagten Mißstände und vorgeschlagenenSteuern so geringfügig, so harmlos und so bescheiden erscheinen!

Zu der am Horizont aufsteigenden, gewitterschwangeren bosnischenKrisis und der finanziell, wirtschaftlich und innerpolitisch schwierigen, ver-wickelten und nicht minder wichtigen Aufgabe der Reichsfinanzreform tratim Herbst 1908 noch ein ärgerlicher Zwischenfall in Casablanca, derden marokkanischen Zwist wieder anzufachen und damit die deutsch-französischen Beziehungen auf eine neue Belastungsprobe zu stellen drohte.Ich schaffte mir nach dieser Seite Luft, indem ich der französischen Regie-rung vorschlug, den ziemlich undurchsichtigen Streitfall, wo jeder rechtund jeder unrecht hatte, dem Haager Schiedsgericht zu unterbreiten. Aberdie Vorlagen der Reichsfinanzreform sollten fertiggestellt werden, der bos-nische Brandherd durfte sich nicht zum Weltfeuer entwickeln!

Während ich, mit Arbeit überhäuft, von früh bis spät in die Nacht michDieDaily diesen schwierigen Materien widmete, erhielt ich aus dem kaiserlichenTelegraph"- Jagdschloß Rominten von dem Seine Majestät begleitenden Herrn vonAffare jeni^h e j n umfangreiches, mit ganz unleserbcher Schrift auf dünnem undschlechtem Durchschlagpapier geschriebenes Manuskript mit einem Brief,in dem ich gefragt wurde, ob der von Seiner Majestät gewünschten Publi-kation des dem Brief beigeschlossenen Artikels durch ein englisches BlattBedenken entgegenstünden. Eine seltsame Fügung des Schicksals wollte,daß gerade in den Tagen, wo mir aus dem kaiserlichen Hoflager dieseominöse Sendung zuging, ein Brief des achtzigjährigen Hinzpeter bei mireintraf, in dem mir der greise Mentor Seiner Majestät schrieb, er lauere seitlängerer Zeit auf die Gelegenheit, dem Reichskanzler seine Zustimmung undsogar seine Bewunderung auszudrücken,nicht seiner genialen Leitung derauswärtigen Pobtik des Reichs, auch nicht seiner überlegenen Behandlungder inneren Parteien, sondern, was mir eher möglich, meiner Bewunderungseines pädagogischen Genies, welches sich zeigt in der Entwicklung seineskaiserlichen Herrn unter seiner Leitung. Mit freudigem Erstaunen habe ichverfolgt, wie die Selbstbeherrschung, diese für den Kaiser schwerste undnotwendigste Tugend, in Gedanken, Worten und Werken sich allmählichin ihm entfaltete. Welcher wohltätige Einfluß dies bewirkt, kann keinem