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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
Entstehung
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SORGSAM ZU PRÜFEN

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Zweifel unterliegen, und ich beuge mich in Ehrfurcht vor dieser Leistungdes Herrn Reichskanzlers auf einem Gebiete, auf welchem mir die Befähi-gung zu einem Urteil nicht wohl bestritten werden kann. Ein hohes Alterhat auch seine Privilegien, und wenn man achtzig Jahre alt ist, darf manmancherlei sagen, was man vorher für sich behalten mußte." Auch derlangjährige Kenner der kaiserlichen Psyche war nicht bis auf den Grundihrer Unberechenbarkeit gelangt. Während er mir über die von mir damalsin elfjähriger Arbeit erzielten pädagogischen Erfolge so freundliche Kom-plimente machte, lag auf meinem Schreibtisch das kleine Paket, dessenInhalt mehr als alles bisher Dagewesene die Gedankensprünge, die Vergeß-lichkeit und die ganze, mit übertriebenem Betätigungsdrang so seltsamverbundene politische Unvernunft Kaiser Wilhelms II. enthüllen sollte.Völlig ahnungslos, was das Schriftstück enthielt, und bei meiner damaligenÜberlastung mit dringenden Fragen der Politik nicht in der Lage, dasElaborat selbst zu lesen, ließ ich den Brief des Gesandten von Jenisch mitAnlage dem Auswärtigen Amt mit nachstehender eigenhändiger undbestimmter Weisung zugehen:Ich bitte, den Artikel sorgsam prüfen,den Artikel sodann auf gebrochenem Bogen mit Kanzleihand (oder nochbesser mit Schreibmaschine) abschreiben und wünschenswerte Korrek-turen, Zusätze und Weglassungen (mit derselben Handschrift) amRand eintragen zu lassen. Ferner soll eine Abschrift mit dem verän-derten Text zurückbehalten werden für Seine Majestät. Ich bitte umstrengste Geheimhaltung und möglichste Beschleunigung der Über-sendung an mich."

Die beiden Wortesorgsam" undWeglassungen" hatte ich dickunterstrichen.

Nach einigen Tagen gelangte die Piece von Seiten des AuswärtigenAmts wieder an mich zurück, mit der Meldung, daß sich nur einige gering-fügige und unerhebliche Korrekturen empföhlen, die sich auf den Namen desnach Fez entsandten deutschen Konsularbeamten und einige ähnlicheQuisquilien bezogen. Ich übergab das Aktenstück noch einmal dem michals Vertreter des Auswärtigen Amts begleitenden Gesandten von Müllermit der ausdrücklichen Weisung, die ganze Angelegenheit nochmalsgründlich zu prüfen, da mir selbst hierfür in diesen bewegten Tagen dieerforderliche Zeit nicht zu Gebote stünde. Als mir Herr von Müller amnächsten Tage die Piece zurückreichte, frug ich wiederum und mit Nach-druck, ob die Publikation des Artikels auch wirklich ganz unbedenklichwäre. Der Gesandte von Müller bejahte mit Emphase meine Frage,und ich ermächtigte ihn, die Anfrage aus Rominten zu beantworten.Ich ahnte nicht, daß diese Sendung aus dem kaiserlichen Jagdlagereine Dynamitbombe war, deren Explosion nicht lange nachher die

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