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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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EIN MYSTERIÖSER VORFALL

schwierigste innere Krise hervorrufen sollte, der ich während meinerAmtszeit zu begegnen hatte.

Bevor ich zu dieser Krise gelange, will ich noch eines Zwischenfalles

Ein Auen- Erwähnung tun, der sich im Herbst in Norderney abgespielt hatte, dertäter m schönen friesischen Insel, die ich erst nach meinem Rücktritt wiedersehen

Norderney so ]] te pfj e gt e nach dem Abendessen mit meiner Frau einen Spaziergangam Strande zu unternehmen, wo wir um diese Stunde kaum noch Menschenbegegneten. Meine Frau glaubte zu bemerken, daß ein ihr unbekannterMann uns folgte, und in ihrer rührender Fürsorge für mich wollte sie, ummich zu schützen, zwischen dem Mann und mir gehen, was uns Anlaß zuNeckereien bot. Ich hatte den kleinen Vorfall schon längst vergessen, alsich nach einem kurzen Aufenthalt in Berlin, das ich von Zeit zu Zeit fürmündliche Rücksprachen und Vorträge regelmäßig aufsuchte, wieder nachNorderney zurückgekehrt war. Am Morgen nach meiner Rückkehr meldetemir die Polizeibehörde, daß man am Strande die Leiche eines Mannesgefunden habe und bei ihm den nachstehenden, auf schmutzigem Papiermit Bleistift geschriebenen Brief:An die Polizei! Sollten Sie mich ster-bend finden, so lassen Sie mich ruhig sterben. Ich war des Lebens satt, vondem ich nichts mehr zu hoffen hatte. Ich bedaure mein Opfer sehr, aberich konnte nicht anders. Ich mußte mich rächen an irgendeinem schönenWeibe, welches ich gern lieben möchte. Es ist aber schon zu spät, da ichohne Mittel biu und keinen anderen Ausweg mehr finde. So sterbe ich mitdem Bewußtsein, meine Schuldigkeit getan zu haben. Ich hatte mir eigent-lich ein anderes Opfer auserlesen, und zwar den bekannten Wahlrechtsfeind,den Fürsten Bülow, welcher das arbeitende Volk bei jeder Gelegenheitverhöhnt und beleidigt hat. Nun reichen ja meine Mittel nicht mehr aus,um den Fürsten Bülow von Berlin kommend zu erwarten, sonst wäre ihmeine Kugel sicher gewesen: dies ist der Grund, welchen ich anfangs erwähnte,zu meiner schrecklichen Tat. (Gez.) D. Braun." Weitere polizeiliche Nach-forschungen ergaben, daß der Attentäter aus Stuttgart kam und sich dortals eifriger Sozialdemokrat geriert und betätigt hatte. In der kleinen Nor-derneyer Wirtschaft, wo er abgestiegen war, hatte er sich wiederholt nachmeinen Gewohnheiten und besonders nach der Art und der Stunde meinerSpaziergänge erkundigt. Er hatte geklagt, daß er ohne Subsistenzmittelsei. Er habe sogar seinen Mantel versetzen müssen, was für ihn alsBrustkranken bei den stürmischen Winden von Norderney unerträglichsei. Der Genosse Braun war in der Tat tuberkulös, was durch die Sektionder Leiche festgestellt wurde. Auf seine Erkundigungen war ihm von seinenWirtsleuten gesagt worden, der Reichskanzler sei nach Berlin gefahren,und es hieße, daß er nicht so bald nach Norderney zurückkehren würde.Die Auskunft war von den Wirtsleuten ohne jede Absicht noch Hinter-