WILHELM IL FÜR TOTALEN KURSWECHSEL
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gedanken erteilt worden. Daraufhin hatte der Bursche nachts in einermenschenleeren Straße auf eine ihm völlig unbekannte Dame geschossen,sie nicht unerheblich am Kinn verwundet, dann aber sich selbst durcheinen wohlgezielten Schuß ins Ohr getötet. Die betreffende Dame, dieunbescholtene Gattin eines angesehenen Bremer Kaufmanns, bat dringend,daß ihr Name nicht der Öffentlichkeit preisgegeben werden möge, da siedadurch Klatschereien und Verleumdungen ausgesetzt sein würde. Ichtrug diesem Ersuchen um so lieber Rechnung, als es mir ohnehin wider-strebte, von dem ganzen Vorfall Aufheben zu machen. Persönliche Furchthabe ich nie gekannt. Von Jugend auf war ich von der Wahrheit der herr-lichen Worte durchdrungen, die bei Shakespeare auf dem Forum RomanumJulius Cäsar zu Calpurnia spricht:
Von allen Wundern, die ich je gehört,Scheint mir das größte, daß sich Menschen fürchten,Da sie doch sehn, der Tod, das Schicksal aller,Kommt, wann er kommen soll.
So blieb der ganze Vorfall der Öffentlichkeit verborgen. Als ein Jahrvorher galizische Polen in Norderney verhaftet wurden, die zugaben, daß siemit der Absicht gekommen waren, einen Schießversuch auf mich zu unter-nehmen, habe ich gleichfalls Weisung gegeben, keinen Lärm zu schlagen,sondern die Lumpen stillschweigend über die Grenze abzuschieben.
Nach Berlin zurückgekehrt, fand ich den Kaiser wegen der Vorgängeauf der Balkanhalbinsel in der von mir erwarteten hohen Erregung. Was Der Kaiserihn am meisten wurmte, war die den Türken widerfahrene Kränkung, die * m Reichs-
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auch nach dem Sturz seines Spezialfreundes, des Sultans Abdul Hamid , f"und sogar nach der Proklamierung einer demokratisch-parlamentarischenVerfassung in Konstantinopel seine Lieblinge geblieben waren. Es ärgerteihn auch, daß der ihm persönlich unsympathische König Ferdinand von Bul-garien sich erkühnt hatte, ohne vorherige Rückfrage bei ihm sich dasPrädikat Majestät anzumaßen.
In stürmischem Redefluß machte mir der Kaiser bei einem langenSpaziergang im Garten des Reichskanzlerpalais, wo so manche Diskussionzwischen ihm und mir stattgefunden hatte, den Vorschlag eines totalenKurswechsels. Wir müßten in Wien die sofortige Zurücknahme der An-nexions-Proklamation des Kaisers Franz Josef und den gleichzeitigenRücktritt des Ministers Aehrenthal verlangen. Dem dreisten Bulgaren dürfe die Anerkennung der von ihm usurpierten Majestät nun und nimmergewährt werden. Ich erwiderte, daß ich die österreichische Allianz nieüberschätzt hätte und auch jetzt nicht überschätze. Ich wisse auch,daß Fürst Ferdinand ein vielgewandter Odysseus sei. Aber darum